Generation Gap
AUFFÜHRUNGSDAUER
ca. 1 Stunde 20 Minuten, ohne Pause
Eine Generation, ca. 27 Jahre, steht für die Zeitspanne zwischen der Geburt eines Elternteils und des zugehörigen Kindes. Laut einer Studie (2023) betrug der Altersunterschied der Elternteile bei der Geburt ihres Sprösslings durchschnittlich sieben Jahre. Diese Premiere beleuchtet die Körperbilder und tanzsprachlichen Bindeglieder dreier Generationen von Choreograf*innen und einer Generation von Tänzer*innen.
Ganz im Sinne der Verbildlichung künstlerischer ‚Generation Gaps‘ bilden die beiden erfahreneren Choreograf*innen des Programms den Rahmen für die Kreation der jüngsten Tanz-Schöpferin:
Den Auftakt bietet Fabien Prioville, der mit seiner Company in Düsseldorf beheimatet ist und mit seiner Adaption Sides (Short) zum Nachdenken über die Begegnung von Tanz und Digitalität einlädt. Danach reflektiert Johana Malédon, eine Nachwuchschoreografin, die bei der 38. International Choreographic Competition Hannover 2024 mit dem Produktionspreis Theater Münster ausgezeichnet wurde, mit À Bientôt tänzerisch über das Thema Abschied. Zum Schluss begibt sich Yoshiko Waki, die seit 2016 mit der Tanztheater-Company bodytalk (2009) am Theater im Pumpenhaus in Münster zu erleben ist, in ihrem Tanztheaterstück auf die Suche nach dem GLÜCK.
Das 2023 von der Fabien Prioville Dance Company kreierte Werk 2Sides entstand aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie und der Frage, was ‚Lebendigkeit‘ in der darstellenden Kunst bedeutet. Das Stück untersucht Streaming-Formate und Zuschauerverhalten und geht dabei weit über die rein funktionale Nutzung von Plattformen wie Zoom oder YouTube hinaus. 2Sides schafft einen experimentellen Raum, in dem die physische Performance und ihre digitale Entsprechung nicht einfach nebeneinander existieren, sondern in einen Dialog treten – manchmal verbindend, manchmal kollidierend.
Im Rahmen von GENERATION GAP wird eine komprimierte Version des Werks unter dem Titel 2Sides (Short) präsentiert. Hier wird die technische Komplexität des Originals reduziert, wobei der Fokus auf sozialen Medien als einzige Streaming-Plattform liegt. Diese Vereinfachung betont die Zugänglichkeit und Unmittelbarkeit, während die grundlegende Idee der Verbindung von physischer und digitaler Sphäre erhalten bleibt.
À Bientôt ist ein getanztes Quintett von Johana Malédon, das den Übergang zwischen Abschied und Neuanfang thematisiert. Der Werktitel vermittelt das Gefühl, alles aufs Spiel zu setzen, während man zugleich das Vergangene bewahrt, um Platz für eine neue Geschichte zu schaffen. Die Choreografie geht auf Bifneem Sheli (dt. Mein Inneres) zurück, ein Solo, das nach einer Reise durch Israel (2018) entstand. Das Konzept ist von der Idee geprägt, dass jeder Moment sowohl Anfang als auch Ende eines Prozesses sein kann. Innerhalb des Programms PATCHWORK PARCOURS #3 der Spielzeit 2024/25 konnte man bereits einen Vorgeschmack auf À Bientôt am Theater Münster erleben.
Im Zentrum der Kreation steht der Körper, der zwischen nach außen wirkender Rüstung und verletzbarem, zarten Fleisch nach innen oszilliert und sich immer wieder verändert. Die Bewegung wird zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren und zur Selbstbeobachtung, die die Grenzen des Sichtbaren hinterfragt. Hier begegnen sich Instinkt und Brutalität, Körper und Geist finden Antworten auf Fragen, die oft im Unscheinbaren verborgen liegen.
Mit kraftvollem und kontrastreichem Tanz begeben sich die fünf Tänzer*innen auf eine Reise, die sowohl körperlich als auch emotional herausfordert. Ihre Bewegungen fordern das Publikum auf, seinen Horizont zu erweitern und den Blick auf das Wesentliche zu schärfen: Körper, Raum, Erinnerungen und Geschichten. À Bientôt ist eine Einladung, die Vielschichtigkeit einer menschlichen Lebensreise zu erkennen – in all ihren Formen und Facetten.
Die mit ihrer Company bodytalk seit zehn Jahren im Münsteraner Pumpenhaus residierende Choreografin Yoshiko Waki präsentiert im letzten Teil das für Tanz Münster adaptierte Tanztheaterstück GLÜCK, das 2017 beim Kaunas International Dance Festival (Litauen) unter dem Originaltitel GLÜCK / LAIMĖ \ СЧАСТЬЕ uraufgeführt wurde. Damals handelte es sich um eine Koproduktion zwischen bodytalk mit dem Kaunas Dance Theater AURA in Litauen und dem Theater im Pumpenhaus, welche durch die Bezirksregierung Münster sowie das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW gefördert wurde.
Das Tanztheaterstück erzählt von einem abgelegenen, ärmlichen Dorf, dessen Bewohner*innen beschlossen haben, ihre Neugeborenen im Teich zu ertränken, um ihnen das Schicksal zu ersparen, später als Soldaten oder Soldatenbräute für die feindliche Macht zu kämpfen, die das Dorf seit Jahren umzingelt hält. Der performative Akt des ‚Aus-Sterbens‘ wird regelrecht zelebriert und gleicht einem Spiel. Doch die Dorfbewohner wissen nicht, dass der Feind im Dorfweiher ein unterirdisches Hauptquartier eingerichtet hat, die Babys heimlich rettet und aufzieht.
Jahre später, als eben diese Kinder erwachsen sind, erfahren sie um ihre Herkunft. So beschließen sie, das Dorf zu besetzen und das Unrecht zu beenden. Doch weder Eltern noch Kinder erkennen einander…
Part 1: 2SIDES (Short) von Fabien Prioville
Ton
- Geräuschkulisse (Stimmen, Klänge)
- plötzliche laute Geräusche
- bedrohliche Atmosphäre
Beleuchtung
- Einsatz von Laser
- Blendendes Gegenlicht
Part 2: À Bientot von Johana Malédon
Ton
- Lautstärke und Intensität der Musik (Vibration, Verzerrung)
- Geräuschkulisse (Stimmen, Klänge)
- plötzliche laute Geräusche
- bedrohliche Atmosphäre
Beleuchtung
- Dunkelheit
- Blendendes Licht (D-Block)
- Buntes Licht (rot, bedrohliche Atmosphäre)
Part 3: GLÜCK von Yoshiko Waki
Ton
- Alarmsirenen (Krieg)
- Lautstärke und Intensität der Musik
- Schreie
- plötzliche laute Geräusche
- bedrohliche Atmosphäre
- Lautstärke des Gesangs
Beleuchtung
- Dunkelheit
- Plötzliche Lichtwechsel
In GLÜCK werden die Themen Krieg und die damit einhergehende Gewalt eindrücklich inszeniert.
Dies betrifft insbesondere…
- das Singen eines nationalistischen Lieds auf der Melodie der Deutschen Nationalhymne
- das Ertönen einer Alarmsirene
- die Verwendung von Kriegsrhetorik
- die direkte Erwähnung aktueller (Angriffs-)Kriege in Einspielern
- die tänzerische Imitation von physischer Gewalt (Kampf) und Waffen (Maschinengewehr)
- sowie das metaphorisch aufgeladene Essen von Brotlaiben, die Kinder darstellen.