Miguel Schneider - Schwanensee als Versuchsordnung (in: Die Deutsche Bühne, 21.02.26)
Mit „Die Schwäne“ setzt Tanzdirektorin Lillian Stillwell am eine „Schwanensee“-Überschreibung an, die den Klassiker aus dem höfischen Mythos in eine bürgerliche Realität kippt. Getragen wird der Abend von Tschaikowskys deutlich gekürzter Partitur und einer Odette, die sich nicht als Projektionsfläche, sondern als handelnde Figur behauptet.
Ben Baurs Raum wirkt wie eine Versuchsanordnung, in der sich Intimität und Kontrollmechanik nebeneinander behaupten.
Dass Stillwell Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ in die Bühnenhandlung integriert, ist mehr als literarischer Schmuck. Undine als Figur, die die Machtlogik einer Beziehung freilegt, wird zur Schattenautorin dieser Odette, einer Frau, die liebt, aber den Preis dafür nicht mehr als Naturgesetz akzeptiert.
Stark ist dabei, wie Stillwell das Literarische nicht in Erklärtheater kippen lässt, sondern in Rhythmus übersetzt. Der Text wirkt als Impulsgeber, nicht als Illustration.
Der eigentliche Eingriff liegt im Kollektiv. [...] Stillwell dreht das und die Schwäne erscheinen als Gruppe, in der das Einzelne sichtbar bleibt. Sie bilden Formationen, verschwinden aber nicht darin. Das wird in kleinen Verschiebungen sichtbar, ein leicht verschobenes Timing, eine bewusst „unreine“ Gleichzeitigkeit und ein Blick, der Richtung gibt. Choreografisch ist das konsequent, weil der berühmte Schwanen-Block nicht abgeschafft, sondern politisiert wird.
Zeitgenössisch im Grundton, klassisch als Einschub. Spitze erscheint als Verweis, nicht als Regel. Pirouetten, Hebungen, Sprungbahnen werden immer wieder bodennah: Die Arbeit auf Spitze bricht abrupt ab, die Füße landen flach, Linien knicken in tiefe Pliés. Interessant ist, dass Ironie hier als choreografisches Werkzeug eingesetzt wird.
Am deutlichsten wird Stillwells Zugriff dort, wo Siegfried nicht mehr als edler Erlöser auftritt, sondern als bürgerliche Figur mit Komfortzone. [...] Ob man diese Realismus-Schärfung liebt oder ihr Didaktik unterstellt, sie verschiebt die Machtachse des Stoffes radikal. Und sie erklärt, warum der Abend auch Gewalt gegen Frauen und Femizid nicht nur als Randnotiz führt, sondern offen zeigt.
Dass am Theater Münster mehrere Tänzer als Siegfried besetzt sind, lässt sich als kluger Kunstgriff lesen. Nicht der eine Prinz, sondern ein wechselndes, austauschbares Rollenmodell. Siegfried wird zur Funktion, nicht zur Figur.
Musikalisch hält der Abend sein Niveau. Das Sinfonieorchester Münster unter Henning Ehlert liefert Tschaikowsky als tragfähiges Fundament und die Kürzung der Partitur wirkt wie eine Dramaturgie-Entscheidung zugunsten der Inszenierung.
Arianne Hartanov tanzt die Odette hervorragend, nicht nur als Narrativ des Abends, sondern als Leistung für sich. Sie arbeitetdie Rolle mit klarer Linienführung und kontrollierter Spannung aus, hält die Balance zwischen klassischer Präzision und dem Moment, in dem die Form wechselt.
Am Ende bleibt „Die Schwäne“ eine Kanon-Reibung, die sich nicht mit Oberfläche begnügt. Stillwell nimmt das ikonische Material ernst genug, um es gegen den Strich zu lesen. Es ist ein Tanzstück, das in Erinnerung bleibt. Nicht als „Modernisierung“, sondern als Überführung des Klassikers in die Gegenwart. Ohne Beschönigung, mit klarer Kante.