Schauspiel

Der junge Mann

Annie Ernaux
PREMIERE
14. Februar 2024
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Nobelpreis für Literatur 2022
  • Mär
  • Di. 19.3.
    19.30
  • Di. 26.3.
    19.30
  • Mai
  • Do. 2.5.
    19.30
  • Mi. 8.5.
    19.30
  • Jun
  • Di. 11.6.
    19.30

Inhalt

Sie ist Mitte fünfzig und beginnt ein Verhältnis mit einem dreißig Jahre jüngeren Mann. Einem Studenten, noch dem Milieu verhaftet, aus dem sie sich emanzipiert zu haben glaubt. Er verlässt die gleichaltrige Freundin und liebt sie mit einer Leidenschaft wie keiner zuvor. Entrückte Tage und Nächte in seinem kargen Zimmer, Matratze auf dem Boden, löchrige Wände, defekter Kühlschrank. Doch die intime Episode ist zugleich etwas Politisches, auf der Straße, in den Restaurants und Bars: fast ständig böse Blicke, wütende Reaktionen. Sie ist wieder das »skandalöse Mädchen« ihrer Jugend, nun aber ganz ohne Scham, mit einem Gefühl der Befreiung.

Annie Ernaux bricht ihr letztes Tabu – radikal pointiert und prägnant erzählt sie von einer skandalösen Liebesbeziehung, einer ambivalenten Rückkehr in die eigene Vergangenheit und der triumphalen Überwindung einer lebenslangen Scham.

AUS AKTUELLEM ANLASS: STATEMENT ZU ANNIE ERNAUX!

Die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux hat den Boykottaufruf der Plattform „Strike Germany“ unterzeichnet, der dazu auffordert, deutsche Kultureinrichtungen zu bestreiken. Der Aufruf richtet sich an internationale Kulturschaffende und kritisiert die deutsche Haltung im Nahost-Konflikt als einseitig pro-israelisch. In einem polemischen, fahrlässig verkürzenden und aggressiven Ton formuliert er unbegründete Anschuldigungen wie den Vorwurf, dass deutsche Kulturinstitutionen von politischer Seite instrumentalisiert würden und gezwungen wären, sich zu Sprachrohren einer einseitigen Regierungspolitik zu machen.


Das Existenzrecht Israels ist für die Bundesrepublik Deutschland und ebenso für uns deutsche Kulturschaffende nicht verhandelbar. Dennoch werden alle Aspekte des Nahost-Konflikts in ihrer Komplexität und Differenziertheit selbstverständlich in diesem Land diskutiert. Wir leben in Deutschland zum Glück in einem Land, das die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst als hohe Verfassungsgüter verankert hat. Das ist jahrzehntelang gelebte Praxis. Die Gefahren für die Demokratie liegen sicher nicht in der Einseitigkeit unseres Kulturbetriebs, sondern lassen sich verstärkt bei anderen und zunehmend besorgniserregenden Strömungen unserer Gesellschaft finden. Mit ihren öffentlich geäußerten politischen Positionen ist Annie Ernaux auch in der Vergangenheit in die Kritik geraten, vor allem wegen ihrer einseitig pro-palästinensischen Haltung, die oft aus einer altlinken 68er-Tradition erklärt wurde. Dass sie jetzt „Strike Germany“ unterzeichnet hat und damit als Kulturschaffende den Boykott der inhaltlichen Auseinandersetzung vorzieht, enttäuscht uns. Es ist eine unkluge, angesichts der weltweiten Entwicklungen und Spaltungstendenzen vielleicht sogar gefährliche Entscheidung von ihr.

 

Uns hat sie vor die Frage gestellt, ob wir ihretwegen aufgerufen sind, die seit langem geplante Inszenierung „Der junge Mann“ abzusagen. Liegt hier einer der extremen Fälle vor, in denen Kriterien jenseits der Kunst innerhalb eines eigentlich von der Kunstfreiheit geschützten, für eine offene, demokratische Gesellschaft so wichtigen Raums wirksam werden sollten?

In ihrem literarischen Werk zeigt sich Annie Ernaux‘ moralisch integer. Sie hat sich, wie keine andere Schriftstellerin vor ihr, mit der Frage nach den sozialen Klassen beschäftigt, mit der Frage, welche Deformationen, Ungerechtigkeiten, Privilegien, welches Machtgefüge die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse festschreibt und welche Nöte, Verluste und Hürden ein sozialer Aufstieg mit sich bringt – und das aus der Perspektive einer Frau in einer männerdominierten Gesellschaft. Sie hat für ihre Themen eine Form und eine literarische Sprache erst erfunden und ist dafür verdientermaßen mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Das trifft auch auf das kleine Werk „Der junge Mann“ zu. Die
Geschichte, die sie darin erzählt, wird von niemand anderem so erzählt wie von ihr. Deswegen haben wir sie ursprünglich in unseren Spielplan aufgenommen, daran hat sich nichts geändert. Der Nahost-Konflikt ist an keiner Stelle in ihrem Werk Thema, es sind ausschließlich die Verhältnisse in Frankreich bzw. in einem westeuropäischen Land, die sie beleuchtet.

Wir halten den Boykott von Kultureinrichtungen und von Kulturschaffenden, ihr Abdrängen aus dem öffentlich wahrnehmbaren Raum des Diskurses aufgrund von außerhalb ihrer Kunst liegenden Gründen wie bei staatlicher Zensur oder bei politisch motivierten Boykotten wie dem zur Debatte stehenden „Strike Germany“ in einer offenen demokratischen Gesellschaft für äußerst fragwürdig. Eine solche Intervention sollte – wenn überhaupt – nur in Extremfällen als Mittel gewählt werden.
Deswegen haben wir uns, nach gründlicher Überlegung und vielen Gesprächen mit anderen Kulturschaffenden aus Münster und ganz Deutschland, zu der Haltung durchgerungen, Annie Ernaux` Werk zu spielen, obwohl wir ihre Haltung zu Boykotten, ihr Verständnis unserer Auseinandersetzungen in der deutschen Kulturlandschaft und ihre israelfeindliche Haltung grundlegend falsch finden. Wir denken, dass hier Autorin und Werk getrennt voneinander betrachtet werden können und dass wir – gerade weil allenthalben Gesprächsfäden und Diskursansätze zerstört werden und damit eine offene Kultur erheblichen Schaden nimmt – „Der junge Mann“ wie geplant zur Aufführung bringen sollten. 

Letztlich treten wir mit unserer Entscheidung auch dem Vorwurf, öffentlich finanzierte Kulturinstitutionen in Deutschland betrieben Zensur und „Gesinnungskunst“, aktiv entgegen und setzen damit den Boykottaufruf und Annie Ernaux in dieser Frage bewusst ins Unrecht.

„Chère Madame, was ist in Sie gefahren“ titelt die Literaturkritikerin Iris Radisch auf ZEIT ONLINE am 17.1.24 und bringt ihre tiefe Enttäuschung über die so verehrte Literatin zum Ausdruck. Dem können wir uns nur anschließen!

Video Trailer

Inszenierungsfotos

  • Katharina Brenner / (C) Sandra Then
  • Katharina Brenner / (C) Sandra Then
  • Katharina Brenner / (C) Sandra Then
  • Katharina Brenner / (C) Sandra Then
  • Katharina Brenner / (C) Sandra Then
  • Katharina Brenner / (C) Sandra Then

Pressestimmen

  • Kleine "skandale" und die Leichtigkeit des Seins

    Remsi Al Khalisi führt als Regisseur sensibel durch die Erinnerungen einer Frau, die heute die "Skandale" ihres Lebens weglächeln kann. Das Publikum bei der Premiere in Münster mochte diesen unbeschwerten Auftritt mit ernstem Hintergrund sehr und quittierte ihn mit viel Applaus. 

     

    Andrea Kutzendörfer, Die Glocke, 19.02.2024

  • Eine Liebe gegen manche Konvention

    Brenner legt bei ihrem Spiel eine erfrischende Leichtigkeit an den Tag, die aber niemals leichtfertig wirkt. [...] Eine rundum gelungene Vorstellung. 

     

    Helmut Jasny, Westfälische Nachrichten,16.02.2024

Begleitprogramm

11
Februar
17.00 Uhr
Kino Kurbelkiste
Die Verfilmung von Annie Ernaux‘ autofiktionalem Bestseller
  • Schauspiel
  • Sonderveranstaltung