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THE RAKE'S PROGRESS (DIE LAUFBAHN EINES WÜSTLINGS)

Oper von Igor Strawinsky

in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
  • Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim — © Oliver Berg
    Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim
    © Oliver Berg
  • Youn-Seong Shim, Gregor Dalal, Opernchor, Statisterie — © Oliver Berg
    Youn-Seong Shim, Gregor Dalal, Opernchor, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Suzanne McLeod, Damenchor — © Oliver Berg
    Suzanne McLeod, Damenchor
    © Oliver Berg
  • Youn-Seong Shim, Damenchor — © Oliver Berg
    Youn-Seong Shim, Damenchor
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob — © Oliver Berg
    Henrike Jacob
    © Oliver Berg
  • Gregor Dalal, Youn-Seong Shim — © Oliver Berg
    Gregor Dalal, Youn-Seong Shim
    © Oliver Berg
  • Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Damenchor — © Oliver Berg
    Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Damenchor
    © Oliver Berg
  • Philippe Clark Hall, Opernchor, Statisterie — © Oliver Berg
    Philippe Clark Hall, Opernchor, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Lisa Wedekind, Opernchor, Statisterie — © Oliver Berg
    Lisa Wedekind, Opernchor, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Lisa Wedekind, Henrike Jacob, Opernchor, Statisterie — © Oliver Berg
    Lisa Wedekind, Henrike Jacob, Opernchor, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Youn-Seong Shim, Opernchor — © Oliver Berg
    Youn-Seong Shim, Opernchor
    © Oliver Berg
  • Youn-Seong Shim, Henrike Jacob — © Oliver Berg
    Youn-Seong Shim, Henrike Jacob
    © Oliver Berg

Weitere Termine

Leider keine weiteren Termine geplant.

Ich wünschte, ich hätte Geld; ich wäre froh; es wäre wahr. Das Mädchen Anne und der Jüngling Tom sind in Liebe verbunden. Doch Annes Vater drängt Tom zu einem soliden Broterwerb. Er aber will sich ganz dem Glück und seinen augenblicklichen Launen überlassen. Zuerst einmal wünscht er sich Geld. Da erscheint auch schon ein Fremder, der sich als Diener seines (angeblich) soeben verstorbenen (reichen) Onkels ausgibt und behauptet, Tom sei nun der Erbe und die Angelegenheiten müssten unverzüglich in London abgewickelt werden. Tom ahnt nicht, dass es der Teufel ist, der sich ihm da als Nick (= englische Bezeichnung für den Teufel) Shadow vorstellt … Die Handlung wird von drei Wünschen Toms in Bewegung gehalten: dem Wunsch nach Vergnügen, absoluter individueller Freiheit und einer menschheitsbeglückenden Tat. Doch all diese Wünsche verkehren sich in ihr Gegenteil. Schlussendlich bekennt er: »Ich wünsche nichts mehr« – und damit einhergehend blitzt die Erkenntnis auf: »Die Liebe ist Anfang und Ende«. Doch die ist ihm abhanden gekommen, als er sich den teuflischen Einflüsterungen hingegeben hat, die in ihm nur schäbig-alltägliche Illusionen genährt haben.

Igor Strawinskys (1882–1971) 1951 in Venedig uraufgeführte Oper arbeitet mit einer Fülle historischer Anspielungen von Monteverdi über Mozart bis Verdi.

Aufführungsdauer ca. 155 Minuten, eine Pause

 

AUS DER PRESSE:

Die Sorge, Igor Strawinskys Oper „Die Laufbahn eines Wüstlings“ aus dem Jahr 1951 könnte ein unverdaulicher, zweieinhalbstündiger Brocken sein, ist unbegründet. Die Musik ist elegant und prächtig, die Inszenierung von Münsters Theaterchef Ulrich Peters amüsant und kurzweilig, die Geschichte wonnig und märchenhaft. Das Premierenpublikum war begeistert und spendete am Samstagabend Stehende Ovationen im Großen Haus.

Ulrich Peters beweist Rückgrat. Er wagte in der vergangenen Spielzeit schon Hindemiths unbekannte Oper „Neues vom Tage“. Es war eine herrliche Inszenierung, aber mit vielen Zuschauern belohnt wurde sie nicht. Peters ließ sich nicht beirren und schickte jetzt den ebenso unbekannten „The Rake’s Progress“ von Strawinsky an den Start. Man kann nur hoffen, dass die Operngänger der Region diesen Olympioniken nicht auch noch an sich vorbeiziehen lassen. Sie würden eine rundum gelungene Inszenierung verpassen.

[...] Strawinsky hat vielmehr Faustisches, ja sogar Zauberflötiges im Sinn, was Peters, Bühnenbildner Christian Floeren und Kostümbildner Kristopher Kempf eindrucksvoll und anschaulich herausarbeiten.
Statt schrill und bunt zu Werke zu gehen, was diese Oper durchaus verträgt, bevorzugen sie schlichtere Bilder mit Stil. Comichafte Elemente treffen hier auf eine Gothic-Welt. Eine Kombination, die schön anzuschauen ist und perfekt zu Handlung und Musik passt. Barocke Rüschen-Romantik, Lederstiefel mit Schnallen und Riemen, Punkfrisuren und Metallkettchen im Gesicht – und fast alles ist in Schwarz-Weiß gehalten. So einfach ist es halt manchmal in der Märchenwelt – oder im Innern des Menschen. Selbst im vollen Bordell darf es kaum bunter zugehen. Die von Inna Batyuk bestens vorbereiteten Chöre machen ihre frivole Sache hier sehr gut.

Hübsch illustriert werden auch die Gefühle: Wenn Henrike Jacob als Anne Trulove von Schmerz und Abschied singt, fährt aus dem Schnürboden eine Wolke herunter und per Videoprojektion prasselt der Regen herab – frisch vom Computer gezeichnet. Wenn Sicherheit und Liebe abhanden kommen, schrumpft auf einer Leinwand ein Haus oder es dreht sich komplett. Jacobs hat dazu noch mit ihren Sehnsuchtsarien die schönsten Melodien zu singen – tragisch, schmelzend, einmal von einem himmlischen Trompeten-Solo behutsam und gütig getragen.

Wunderbar ist Lisa Wedekind als übergroße Baba mit blondiertem Hahnenkamm. Sie ist keine abgetakelte Zirkusattraktion, sondern eine Hünin mit Stolz, die beim Ehekrach mit Tom das ebenfalls übergroße Geschirr überlaut zerdeppert.

Youn-Seong Shim zeigt seinen Tom Rakewell nicht minder leidenschaftlich. Ein Glanzpunkt der Inszenierung. Sein lyrischer Tenor zeichnet den Abstieg des Wüstlings authentisch nach. Shim ist Macho, er ist Wankender, der Mann, der den Teufel mit der Liebe besiegt – und dennoch keinen Frieden findet.

Bariton Gregor Dalal ist ein volltönender, omnipräsenter Shadow – Rakewells dunkles Ich. Im schwarzen Ledermantel und mit abgründig-charmantem Lächeln in Richtung Publikum verrät er genüsslich seine Doppelzüngigkeit. Doch auch er ist von Schatten umgeben: Regisseur Peters stellt ihm drei Domina-Leder-Blondinen an die Seite. Sie sind Symbol der Männlichkeit, aber auch, wie sich herausstellen wird, Wächterinnen der Unterwelt, die Shadow in die dampfende Hölle zerren. Vielleicht die Schwestern der drei „Zauberflöten“-Damen, die Dienerinnen der Königin der Nacht?

Möglich, denn Studienleiterin Elda Laro füttert als vierte Leder-Domina am rechten Bühnenrand die dunklen Mächte mit hellen Cembalo-Klängen. Das klingt tatsächlich so, als würde Mozart hier immer mal wieder amüsiert vorbeischauen.

Und Mozart ist nicht der einzige, der sich in der Partitur versteckt hält. Monteverdische Fanfaren eröffnen das Spiel, Verdi und Händel blitzen im weiteren Verlauf auf. Und Fabrizio Ventura sorgt mit dem Sinfonieorchester dafür, dass die Anspielungen Strawinskys klar erkennbar sind, die Farben des Neoklassizismus leuchten. Es ist ein Vergnügen, diesem Musikfest zu lauschen.

Dass alles nur ein Spiel war, weiß der Zuschauer schon zu Beginn. Durch den barocken Rahmen, der die Bühne umschließt, durch die Rede, die Plamen Hidjov als souveräner Vater Trulove zu Beginn dem Publikum hält – auf einem Steg vor der Bühne. Dort treffen sich zum Schluss dann auch alle zum vergnüglichen Moral-Appell – ganz ohne pädagogischen Zeigefinger. Die Zeit ist vergangen wie im Flug.

Sabine Müller, Münstersche Zeitung, 12. Mai 2014



Ein bisschen „Don Giovanni“ und eine große Dosis „Faust“ stecken in diesem Stück, für das Bühnenbildner Christian Floeren einen prächtigen Rahmen auf die Bühne des Großen Hauses gestellt hat – passend zu der Bilderfolge von William Hogarth, die den Komponisten zu seinem Werk anregte. Der schwarz-weiße Vorhang zeigt die Sphären, in denen sich Tom bewegt, die klare Farbsymbolik kehrt in den Kostümen von Kristofer Kempf wieder.

Regisseur Ulrich Peters hat dem weißmähnigen Schattenmann Nick – ideal wuchtig besetzt mit Gregor Dalal – witzigerweise drei Damen mitgegeben, die ein bisschen „Zauberflöten“-Flair auf die Bühne bringen. Münsters Intendant zielt bei seiner zweiten Inszenierung konsequent darauf ab, das unbekannte Werk möglichst klar zu erzählen. Dazu dienen auch die so schlichten wie schönen Projektionen: Truloves Haus, das wie ein Pfeil nach oben zeigt, gerät mächtig in Schieflage oder schrumpft, und wenn die verlassene Anne über die Liebe sinniert, fallen große (Tränen-)Tropfen. Natürlich bedient Peters effektvoll die grellbunten Szenen im Etablissement von Mutter Goose (Suzanne McLeod) oder den herrlich scheppernden Ehestreit von Tom und Türkenbab. Das Ende jedoch ist mehr faustische Grablegung als Irrenhaus-Theater und bietet damit einen bewegenden Moment, ehe die Protagonisten zum kecken Epilog auf den Steg vor dem Orchestergraben eilen.

Die feine Inszenierung schiebt sich nicht eitel vor das Stück, sondern dient ihm und dient vor allem der Musik: Inna Batyuks Chöre können ideal auftrumpfen, und den Sängern bietet der Steg, der das kommentierende Heraustreten aus der Handlung ermöglicht, zugleich ein tolles Arien-Podium. Youn-Seong Shim nutzt es als selbstbewusster Tom-Tenor, Henrike Jacob singt die Anne so schön, als hätte sie nur auf diese Partie gewartet, und Lisa Wedekind präsentiert in ihrem Riesinnen-Kostüm auch gesanglich eine starke Türkenbab. Ebenfalls stark: „Auktionator“ Philippe Clark Hall.

Vor allem aber ist das, was Fabrizio Ventura mit seinem Orchester entfacht, ein flammendes Plädoyer für Strawinskys Oper. Nicht nur, weil die wunderbar harmonischen Turbulenzen so perfekt mit der Bühne abgestimmt sind – sondern auch, weil es subtil musizierte Momente des auskomponierten Innehaltens gibt, wie man sie sonst nur von Mozart kennt. Wenn etwa die Trompete Annes elegische Töne vorbereitet, dann ist das so traurig-schön, wie Oper nur sein kann.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 12. Mai 2014



Und gesungen wird gut in Münster. Das gilt für den Chor von Inna Batyuk, für Plamen Hidjov als Vater Trulove und für Suzanne McLeod als Bordellchefin Mother Goose. Das gilt für Phillipe Clark Hall als Auktionator im Stil eines Tanzmeisters und vor allem für Lisa Wedekind, die als riesige Türkenbab nicht nur eine Augenweide, sondern auch stimmlich wie immer eine Bank ist... ein Edelstein im Ensemble. Hut ab vor Henrike Jacob, die sich beherzt in die so schwierige Partie der Ann Trulove stürzt und sie gekonnt meistert. Nirgendwo ein Zeichen von Unsicherheit. Geradezu bestechend vor allem ihre so gut ausgebaute tiefe Lage.

Für Gregor Dalal und Youn-Seong Shim als Antipoden Shadow und Rakewell gilt das Gleiche: Beide singen mit viel Durchschlagsvermögen und Kraft - so schafft Shim die fragilen Koloraturen im Stil von Henry Purcell am Ende tadellos und Dalal fährt mit einem gewaltigen letzten Fluch zur Hölle. Aber beiden fehlt es noch an letztem Gestaltungswillen, an Doppelbödigkeit. Außerdem könnten einige Akteure am englischen Idiom noch arbeiten. Da ist des öfteren nicht viel zu verstehen.

Das Sinfonieorchester Münster unter Fabrizio Ventura verleiht The Rake’s Progress Glanz. Brillanz und Leuchtkraft prägen das Spiel, Strawinskys Klangvielfalt und origineller Stilmix kommt ganz plastisch, frisch und lebendig zum Ausdruck. Ein Sonderlob für Elda Laro, die am Cembalo auf der Bühne sitzt – eine wache Virtuosin, stets mitten im Bühnengeschehen.

Thomas Hilgemeier, theaterpur.net, 12. Mai 2014

Info

Ich wünschte, ich hätte Geld; ich wäre froh; es wäre wahr. Das Mädchen Anne und der Jüngling Tom sind in Liebe verbunden. Doch Annes Vater drängt Tom zu einem soliden Broterwerb. Er aber will sich ganz dem Glück und seinen augenblicklichen Launen überlassen. Zuerst einmal wünscht er sich Geld. Da erscheint auch schon ein Fremder, der sich als Diener seines (angeblich) soeben verstorbenen (reichen) Onkels ausgibt und behauptet, Tom sei nun der Erbe und die Angelegenheiten müssten unverzüglich in London abgewickelt werden. Tom ahnt nicht, dass es der Teufel ist, der sich ihm da als Nick (= englische Bezeichnung für den Teufel) Shadow vorstellt … Die Handlung wird von drei Wünschen Toms in Bewegung gehalten: dem Wunsch nach Vergnügen, absoluter individueller Freiheit und einer menschheitsbeglückenden Tat. Doch all diese Wünsche verkehren sich in ihr Gegenteil. Schlussendlich bekennt er: »Ich wünsche nichts mehr« – und damit einhergehend blitzt die Erkenntnis auf: »Die Liebe ist Anfang und Ende«. Doch die ist ihm abhanden gekommen, als er sich den teuflischen Einflüsterungen hingegeben hat, die in ihm nur schäbig-alltägliche Illusionen genährt haben.

Igor Strawinskys (1882–1971) 1951 in Venedig uraufgeführte Oper arbeitet mit einer Fülle historischer Anspielungen von Monteverdi über Mozart bis Verdi.

Aufführungsdauer ca. 155 Minuten, eine Pause

 

AUS DER PRESSE:

Die Sorge, Igor Strawinskys Oper „Die Laufbahn eines Wüstlings“ aus dem Jahr 1951 könnte ein unverdaulicher, zweieinhalbstündiger Brocken sein, ist unbegründet. Die Musik ist elegant und prächtig, die Inszenierung von Münsters Theaterchef Ulrich Peters amüsant und kurzweilig, die Geschichte wonnig und märchenhaft. Das Premierenpublikum war begeistert und spendete am Samstagabend Stehende Ovationen im Großen Haus.

Ulrich Peters beweist Rückgrat. Er wagte in der vergangenen Spielzeit schon Hindemiths unbekannte Oper „Neues vom Tage“. Es war eine herrliche Inszenierung, aber mit vielen Zuschauern belohnt wurde sie nicht. Peters ließ sich nicht beirren und schickte jetzt den ebenso unbekannten „The Rake’s Progress“ von Strawinsky an den Start. Man kann nur hoffen, dass die Operngänger der Region diesen Olympioniken nicht auch noch an sich vorbeiziehen lassen. Sie würden eine rundum gelungene Inszenierung verpassen.

[...] Strawinsky hat vielmehr Faustisches, ja sogar Zauberflötiges im Sinn, was Peters, Bühnenbildner Christian Floeren und Kostümbildner Kristopher Kempf eindrucksvoll und anschaulich herausarbeiten.
Statt schrill und bunt zu Werke zu gehen, was diese Oper durchaus verträgt, bevorzugen sie schlichtere Bilder mit Stil. Comichafte Elemente treffen hier auf eine Gothic-Welt. Eine Kombination, die schön anzuschauen ist und perfekt zu Handlung und Musik passt. Barocke Rüschen-Romantik, Lederstiefel mit Schnallen und Riemen, Punkfrisuren und Metallkettchen im Gesicht – und fast alles ist in Schwarz-Weiß gehalten. So einfach ist es halt manchmal in der Märchenwelt – oder im Innern des Menschen. Selbst im vollen Bordell darf es kaum bunter zugehen. Die von Inna Batyuk bestens vorbereiteten Chöre machen ihre frivole Sache hier sehr gut.

Hübsch illustriert werden auch die Gefühle: Wenn Henrike Jacob als Anne Trulove von Schmerz und Abschied singt, fährt aus dem Schnürboden eine Wolke herunter und per Videoprojektion prasselt der Regen herab – frisch vom Computer gezeichnet. Wenn Sicherheit und Liebe abhanden kommen, schrumpft auf einer Leinwand ein Haus oder es dreht sich komplett. Jacobs hat dazu noch mit ihren Sehnsuchtsarien die schönsten Melodien zu singen – tragisch, schmelzend, einmal von einem himmlischen Trompeten-Solo behutsam und gütig getragen.

Wunderbar ist Lisa Wedekind als übergroße Baba mit blondiertem Hahnenkamm. Sie ist keine abgetakelte Zirkusattraktion, sondern eine Hünin mit Stolz, die beim Ehekrach mit Tom das ebenfalls übergroße Geschirr überlaut zerdeppert.

Youn-Seong Shim zeigt seinen Tom Rakewell nicht minder leidenschaftlich. Ein Glanzpunkt der Inszenierung. Sein lyrischer Tenor zeichnet den Abstieg des Wüstlings authentisch nach. Shim ist Macho, er ist Wankender, der Mann, der den Teufel mit der Liebe besiegt – und dennoch keinen Frieden findet.

Bariton Gregor Dalal ist ein volltönender, omnipräsenter Shadow – Rakewells dunkles Ich. Im schwarzen Ledermantel und mit abgründig-charmantem Lächeln in Richtung Publikum verrät er genüsslich seine Doppelzüngigkeit. Doch auch er ist von Schatten umgeben: Regisseur Peters stellt ihm drei Domina-Leder-Blondinen an die Seite. Sie sind Symbol der Männlichkeit, aber auch, wie sich herausstellen wird, Wächterinnen der Unterwelt, die Shadow in die dampfende Hölle zerren. Vielleicht die Schwestern der drei „Zauberflöten“-Damen, die Dienerinnen der Königin der Nacht?

Möglich, denn Studienleiterin Elda Laro füttert als vierte Leder-Domina am rechten Bühnenrand die dunklen Mächte mit hellen Cembalo-Klängen. Das klingt tatsächlich so, als würde Mozart hier immer mal wieder amüsiert vorbeischauen.

Und Mozart ist nicht der einzige, der sich in der Partitur versteckt hält. Monteverdische Fanfaren eröffnen das Spiel, Verdi und Händel blitzen im weiteren Verlauf auf. Und Fabrizio Ventura sorgt mit dem Sinfonieorchester dafür, dass die Anspielungen Strawinskys klar erkennbar sind, die Farben des Neoklassizismus leuchten. Es ist ein Vergnügen, diesem Musikfest zu lauschen.

Dass alles nur ein Spiel war, weiß der Zuschauer schon zu Beginn. Durch den barocken Rahmen, der die Bühne umschließt, durch die Rede, die Plamen Hidjov als souveräner Vater Trulove zu Beginn dem Publikum hält – auf einem Steg vor der Bühne. Dort treffen sich zum Schluss dann auch alle zum vergnüglichen Moral-Appell – ganz ohne pädagogischen Zeigefinger. Die Zeit ist vergangen wie im Flug.

Sabine Müller, Münstersche Zeitung, 12. Mai 2014



Ein bisschen „Don Giovanni“ und eine große Dosis „Faust“ stecken in diesem Stück, für das Bühnenbildner Christian Floeren einen prächtigen Rahmen auf die Bühne des Großen Hauses gestellt hat – passend zu der Bilderfolge von William Hogarth, die den Komponisten zu seinem Werk anregte. Der schwarz-weiße Vorhang zeigt die Sphären, in denen sich Tom bewegt, die klare Farbsymbolik kehrt in den Kostümen von Kristofer Kempf wieder.

Regisseur Ulrich Peters hat dem weißmähnigen Schattenmann Nick – ideal wuchtig besetzt mit Gregor Dalal – witzigerweise drei Damen mitgegeben, die ein bisschen „Zauberflöten“-Flair auf die Bühne bringen. Münsters Intendant zielt bei seiner zweiten Inszenierung konsequent darauf ab, das unbekannte Werk möglichst klar zu erzählen. Dazu dienen auch die so schlichten wie schönen Projektionen: Truloves Haus, das wie ein Pfeil nach oben zeigt, gerät mächtig in Schieflage oder schrumpft, und wenn die verlassene Anne über die Liebe sinniert, fallen große (Tränen-)Tropfen. Natürlich bedient Peters effektvoll die grellbunten Szenen im Etablissement von Mutter Goose (Suzanne McLeod) oder den herrlich scheppernden Ehestreit von Tom und Türkenbab. Das Ende jedoch ist mehr faustische Grablegung als Irrenhaus-Theater und bietet damit einen bewegenden Moment, ehe die Protagonisten zum kecken Epilog auf den Steg vor dem Orchestergraben eilen.

Die feine Inszenierung schiebt sich nicht eitel vor das Stück, sondern dient ihm und dient vor allem der Musik: Inna Batyuks Chöre können ideal auftrumpfen, und den Sängern bietet der Steg, der das kommentierende Heraustreten aus der Handlung ermöglicht, zugleich ein tolles Arien-Podium. Youn-Seong Shim nutzt es als selbstbewusster Tom-Tenor, Henrike Jacob singt die Anne so schön, als hätte sie nur auf diese Partie gewartet, und Lisa Wedekind präsentiert in ihrem Riesinnen-Kostüm auch gesanglich eine starke Türkenbab. Ebenfalls stark: „Auktionator“ Philippe Clark Hall.

Vor allem aber ist das, was Fabrizio Ventura mit seinem Orchester entfacht, ein flammendes Plädoyer für Strawinskys Oper. Nicht nur, weil die wunderbar harmonischen Turbulenzen so perfekt mit der Bühne abgestimmt sind – sondern auch, weil es subtil musizierte Momente des auskomponierten Innehaltens gibt, wie man sie sonst nur von Mozart kennt. Wenn etwa die Trompete Annes elegische Töne vorbereitet, dann ist das so traurig-schön, wie Oper nur sein kann.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 12. Mai 2014



Und gesungen wird gut in Münster. Das gilt für den Chor von Inna Batyuk, für Plamen Hidjov als Vater Trulove und für Suzanne McLeod als Bordellchefin Mother Goose. Das gilt für Phillipe Clark Hall als Auktionator im Stil eines Tanzmeisters und vor allem für Lisa Wedekind, die als riesige Türkenbab nicht nur eine Augenweide, sondern auch stimmlich wie immer eine Bank ist... ein Edelstein im Ensemble. Hut ab vor Henrike Jacob, die sich beherzt in die so schwierige Partie der Ann Trulove stürzt und sie gekonnt meistert. Nirgendwo ein Zeichen von Unsicherheit. Geradezu bestechend vor allem ihre so gut ausgebaute tiefe Lage.

Für Gregor Dalal und Youn-Seong Shim als Antipoden Shadow und Rakewell gilt das Gleiche: Beide singen mit viel Durchschlagsvermögen und Kraft - so schafft Shim die fragilen Koloraturen im Stil von Henry Purcell am Ende tadellos und Dalal fährt mit einem gewaltigen letzten Fluch zur Hölle. Aber beiden fehlt es noch an letztem Gestaltungswillen, an Doppelbödigkeit. Außerdem könnten einige Akteure am englischen Idiom noch arbeiten. Da ist des öfteren nicht viel zu verstehen.

Das Sinfonieorchester Münster unter Fabrizio Ventura verleiht The Rake’s Progress Glanz. Brillanz und Leuchtkraft prägen das Spiel, Strawinskys Klangvielfalt und origineller Stilmix kommt ganz plastisch, frisch und lebendig zum Ausdruck. Ein Sonderlob für Elda Laro, die am Cembalo auf der Bühne sitzt – eine wache Virtuosin, stets mitten im Bühnengeschehen.

Thomas Hilgemeier, theaterpur.net, 12. Mai 2014

Leitung

Musikalische Leitung Fabrizio Ventura

Inszenierung Ulrich Peters

Bühnenbild Christian Floeren

Kostüme Kristopher Kempf

Choreinstudierung Inna Batyuk

Dramaturgie Margrit Poremba (†)


Besetzung

Trulove Plamen Hidjov

Ann Trulove Henrike Jacob

Tom Rakewell Youn-Seong Shim

Nick Shadow Gregor Dalal

Mother Goose Barbara Bräckelmann / Suzanne McLeod

Baba, gennant die Türkenbab Lisa Wedekind

Sellem Philippe Clark Hall

Opernchor des Theaters Münster

Sinfonieorchester Münster

Besetzung

Leitung

Musikalische Leitung Fabrizio Ventura

Inszenierung Ulrich Peters

Bühnenbild Christian Floeren

Kostüme Kristopher Kempf

Choreinstudierung Inna Batyuk

Dramaturgie Margrit Poremba (†)


Besetzung

Trulove Plamen Hidjov

Ann Trulove Henrike Jacob

Tom Rakewell Youn-Seong Shim

Nick Shadow Gregor Dalal

Mother Goose Barbara Bräckelmann / Suzanne McLeod

Baba, gennant die Türkenbab Lisa Wedekind

Sellem Philippe Clark Hall

Opernchor des Theaters Münster

Sinfonieorchester Münster



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