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ARIODANTE

Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Münstersche Erstaufführung
  • Lisa Wedekind, Henrike Jacob; im Hintergrund: Lukas Schmid, Höflinge — © Oliver Berg
    Lisa Wedekind, Henrike Jacob; im Hintergrund: Lukas Schmid, Höflinge
    © Oliver Berg
  • Eva Bauchmüller, Lukas Schmid, Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Höflinge — © Oliver Berg
    Eva Bauchmüller, Lukas Schmid, Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Höflinge
    © Oliver Berg
  • Eva Bauchmüller, Lukas Schmid, Henrike Jacob, Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim — © Oliver Berg
    Eva Bauchmüller, Lukas Schmid, Henrike Jacob, Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim
    © Oliver Berg
  • Nicholas Tamagna, Eva Bauchmüller — © Oliver Berg
    Nicholas Tamagna, Eva Bauchmüller
    © Oliver Berg
  • Nicholas Tamagna, Polinessos Leibgarde — © Oliver Berg
    Nicholas Tamagna, Polinessos Leibgarde
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Lisa Wedekind — © Oliver Berg
    Henrike Jacob, Lisa Wedekind
    © Oliver Berg
  • Eva Bauchmüller, Lukas Schmid, Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Henrike Jacob, Höflinge — © Oliver Berg
    Eva Bauchmüller, Lukas Schmid, Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Henrike Jacob, Höflinge
    © Oliver Berg
  • Nicholas Tamagna, Polinessos Leibgarde — © Oliver Berg
    Nicholas Tamagna, Polinessos Leibgarde
    © Oliver Berg
  • Lukas Schmid, Youn-Seong Shim — © Oliver Berg
    Lukas Schmid, Youn-Seong Shim
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, der Tod — © Oliver Berg
    Henrike Jacob, der Tod
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Lisa Wedekind — © Oliver Berg
    Henrike Jacob, Lisa Wedekind
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Ginevras Träume — © Oliver Berg
    Henrike Jacob, Ginevras Träume
    © Oliver Berg

Aus dem Himmel idealer Liebe

Weitere Termine

Leider keine weiteren Termine geplant.

Prinzessin Ginevra liebt den Ritter Ariodante. Ihrem Vater, dem König von Schottland, ist er als Schwiegersohn und Nachfolger höchst willkommen. Doch Polinesso, Herzog von Albany, trachtet seinerseits nach dem Thron, wird jedoch von Ginevra abgewiesen. Dalinda, eine Vertraute der Königstochter, ist wiederum in Polinesso verliebt. Der rachsüchtige, von Egoismus und Machtgier zerfressene Herzog benutzt nun Dalinda als Werkzeug, um seinen Rivalen zu beseitigen. Er überredet die ihm in blinder Liebe Ergebene, sich als Ginevra zu verkleiden und ihm nachts die Tür zu öffnen. Diese Szene beobachtet Ariodante, erliegt der Täuschung, flieht in Verzweiflung über die Treulosigkeit seiner Braut und begeht beinahe einen Selbstmordversuch. Der König verstößt seine Tochter und ruft – aus Gründen der Familienehre – zum kämpferischen Gottesgericht. Schlussendlich klärt sich die zerstörerische, menschenverachtende Intrige auf, Ginevra und Ariodante scheinen wie aus einem bösen Traum zu erwachen und erneuern ihre Treueschwüre.

Händels ARIODANTE, am 8. Januar 1735 im Londoner Covent Garden Theatre uraufgeführt, gilt als eines der besten und attraktivsten barocken Musikdramen. Eine interessante Handlung – variationsreich durchgespielte Arten so genannter Liebe sowie facettenreiche Blicke auf den Umgang mit Macht – verbindet lebendige, emotionale Charaktere mit ausdrucksvoller, brillanter Musik.

Aufführungsdauer ca. 180 Minuten, eine Pause

Info

Prinzessin Ginevra liebt den Ritter Ariodante. Ihrem Vater, dem König von Schottland, ist er als Schwiegersohn und Nachfolger höchst willkommen. Doch Polinesso, Herzog von Albany, trachtet seinerseits nach dem Thron, wird jedoch von Ginevra abgewiesen. Dalinda, eine Vertraute der Königstochter, ist wiederum in Polinesso verliebt. Der rachsüchtige, von Egoismus und Machtgier zerfressene Herzog benutzt nun Dalinda als Werkzeug, um seinen Rivalen zu beseitigen. Er überredet die ihm in blinder Liebe Ergebene, sich als Ginevra zu verkleiden und ihm nachts die Tür zu öffnen. Diese Szene beobachtet Ariodante, erliegt der Täuschung, flieht in Verzweiflung über die Treulosigkeit seiner Braut und begeht beinahe einen Selbstmordversuch. Der König verstößt seine Tochter und ruft – aus Gründen der Familienehre – zum kämpferischen Gottesgericht. Schlussendlich klärt sich die zerstörerische, menschenverachtende Intrige auf, Ginevra und Ariodante scheinen wie aus einem bösen Traum zu erwachen und erneuern ihre Treueschwüre.

Händels ARIODANTE, am 8. Januar 1735 im Londoner Covent Garden Theatre uraufgeführt, gilt als eines der besten und attraktivsten barocken Musikdramen. Eine interessante Handlung – variationsreich durchgespielte Arten so genannter Liebe sowie facettenreiche Blicke auf den Umgang mit Macht – verbindet lebendige, emotionale Charaktere mit ausdrucksvoller, brillanter Musik.

Aufführungsdauer ca. 180 Minuten, eine Pause

Leitung

Musikalische Leitung Fabrizio Ventura

Inszenierung Kobie van Rensburg

Bühnenbild Kerstin Bayer / Kobie van Rensburg

Kostüme Lutz Kemper / Dorothee Schumacher

Choreografische Mitarbeit Tomasz Zwozniak

Dramaturgie Margrit Poremba (†)


Besetzung

Re, König von Schottland Lukas Schmid

Ariodante, Vasall des Königs Lisa Wedekind

Ginevra, Tochter des Königs Henrike Jacob

Lurcanio, Ariodantes Bruder Youn-Seong Shim

Polinesso, Herzog von Albany Nicholas Tamagna

Dalinda, Ginevras Hofdame Eva Bauchmüller

Sinfonieorchester Münster

Besetzung

Leitung

Musikalische Leitung Fabrizio Ventura

Inszenierung Kobie van Rensburg

Bühnenbild Kerstin Bayer / Kobie van Rensburg

Kostüme Lutz Kemper / Dorothee Schumacher

Choreografische Mitarbeit Tomasz Zwozniak

Dramaturgie Margrit Poremba (†)


Besetzung

Re, König von Schottland Lukas Schmid

Ariodante, Vasall des Königs Lisa Wedekind

Ginevra, Tochter des Königs Henrike Jacob

Lurcanio, Ariodantes Bruder Youn-Seong Shim

Polinesso, Herzog von Albany Nicholas Tamagna

Dalinda, Ginevras Hofdame Eva Bauchmüller

Sinfonieorchester Münster


Regisseur Kobie van Rensburg breitet, wie schon in der „Zauberflöte“, Bilderwelten aus, die einen schier vergessen lassen, dass das Stück gut 280 Jahre auf dem Buckel hat. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus und findet für die Fülle an Ideen, die van Rensburg mit Hilfe virtuoser Videotechnik realisiert, doch keinen besseren Ausdruck als: barock.

Es geht damit los, dass der böse Ritter Polinesso den Dirigenten Fabrizio Ventura zwingt, in den hübsch verzierten Orchestergraben zu klettern. Zu seiner Arie wetteifern Porträtgemälde von ihm selbst, der begehrten Königstochter Ginevra und deren Geliebtem Ariodante miteinander, bevor in der Bühnenmitte das Porträt des wichtigsten Mannes aufscheint: Georg Friedrich Händel. Später spielt man am Hofe Golf, und wenn zum Ende des ersten Akts alles auf den guten Schluss mit Hochzeit zuzulaufen scheint, darf das Bühnenvolk mit Travolta-Style und Hip-Hop-Moves tänzeln. Die mitklatschenden Zuschauer im Großen Haus sind da schon aus dem Häuschen.

Bis zu diesem Punkt ist die Aufführung ein großer Theaterspaß, bei dem der Regisseur auch sein wichtigstes Versprechen einlöst: Es lässt die deutschen Texte der italienischen Oper mit der Deutlichkeit von Sprechblasen überall aufschlagen, hervorkriechen, zusammenpurzeln... Man muss tatsächlich nicht mit dem Stück vertraut sein, um alles zu verstehen. Zumal das Sinfonieorchester Münster Händels Klänge so historisierend-brillant abschnurren lässt, als hätte es sein Lebtag nichts anderes gemacht.

Doch kurz vor der Pause, im zweiten Akt, wird die Sache ernst: Trauer und Todessucht, in die der Titelheld nach einer Intrige gerät, finden in einer großen Arie Raum, zu der die Fagottstimmen wehmütig klagen: Mezzosopranistin Lisa Wedekind darf hier einfach nur in stilisierter Ruinen-Romantik kauern und singen – traurig-schön und ergreifend. Das ganze Theater ist in diesen Minuten, die die Zeit stillstehen lassen, so mucksmäuschenstill, dass Ventura Tempo und Dynamik bis aufs Äußerste drosseln kann. Nach der Pause hat Sopranistin Henrike Jacob als todgeweihte Ginevra ähnlich bewegende Momente, wozu der Regisseur einen sanften Todesengel beisteuert, ehe er, in einer der Ballett-Passagen des Werkes, mit Hilfe von Choreograf Tomasz Zwozniak ein wahres Höllenfeuer entfacht.

Das prall-ironische Vergnügen und die ganz großen Gefühle sind in dieser Inszenierung perfekt ausbalanciert, und es ist eine Lust zu erleben, wie sich die Sänger in ihren Koloratur-Parcours stürzen: Lukas Schmid ist ein würdevoller König im Rock, Youn-Seong Shim ein toller Tenor-Kavalier und Eva Bauchmüller eine so starke Sopran-Vertraute Ginevras, dass man auch ihr ein Happy End mit Ritter gönnt. Für den Bösewicht Polinesso schließlich hat das Theater einen Countertenor engagiert: Nicholas Tamagna als eleganter Bühnen-Pirat muss leider schon vor dem Finale das Zeitliche segnen. Von seinen Helden-Klängen in höchster Lage kann man gar nicht genug bekommen. Hingehen!

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 30. März 2015

 

Einfälle hat der Regisseur [Kobie van Rensburg] jede Menge. Vor drei Jahren verlegte er (ebenfalls im Theater Münster) die Zauberflöte komplett in ein Star Wars-Ambiente und bediente sich des Mittels der Videoprojektion. Das tut er jetzt auch wieder in Ariodante – intelligent und in jedem Moment schlüssig.

Die Bühne ist eine große schwarze Fläche, gelegentlich sparsam mit Requisiten bestückt wie die haushohen Wände, die anfangs einen herrschaftlichen Saal bilden. Später beschreiben künstliche Bäume ein Naturidyll, noch später wird die Fläche zu einer Waffenkammer mit lauter Schwertern für den tödlich endenden Zweikampf zwischen Lurcanio und Polinesso. [...] Kobie van Rensburg nutzt die Rückwand der Bühne ebenso wie die Bühnenportale als Projektionsfläche für Raumsimulationen: eine Königshalle, weite Landschaft, gotische Fenster - und für das, was man Übertitel nennt, die hier aber an ganz unterschiedlichen Orten auftauchen wie Sprechblasen ohne Blasen. Das ist absolut virtuos gemacht! Durch die gesamte Inszenierung ziehen sich (echte wie virtuelle) Schirme, Golfschläger, Pistolen; niedlich, wenn das glückliche Paar wie Pan Tau auf einem Video durch die Lüfte weht, wenn sich rote Herzchen da hineinmischen. Die berührendsten großen Momente entwickelt und bebildert van Rensburg in Händels meisterhaften Arien, kann sich dabei auf die erstaunlich hohe Qualität des Sinfonieorchesters Münster verlassen. GMD Fabrizio Ventura hat sein Ensemble auf Hochglanz poliert und macht mit ihm alle Facetten emotionaler Regungen erlebbar. Überschäumender Jubel und abgrundtiefe Verzweiflung - zwischen diesen Extremen changiert das Klangbild des Orchesters. [...] Groß, ja überschwänglich war der Applaus des Premierenpublikums.

Chirstoph Schulte im Walde, theaterpur.net, 30. März 2015

 

Kobie van Rensburg, der in Münster bereits in seiner Inszenierung der Zauberflöte in der letzten Spielzeit mit beeindruckenden Videoprojektionen Akzente gesetzt hat, bleibt auch bei Händels Oper diesem Konzept treu, was in jeder Hinsicht aufgeht und die drei Stunden regelrecht im Flug vergehen lässt. Auf mehrere verschiebbare weiße Wände projiziert er zum einen beeindruckende Bühnenräume, mit denen sich das reale Bühnenbild auf nur wenige Requisiten reduzieren lässt, und spielt zum anderen auf bildliche Art mit den Motivationen der einzelnen Figuren. [...]

Dabei setzt van Rensburg allerdings bei aller Dramatik auch auf gute Unterhaltung und baut zahlreiche komischen Momente ein. Ob die Regenschirme, mit denen die Figuren über die Bühne laufen und die in zahlreichen Szenen aus dem Schnürboden herabhängen, nun auf das regnerische Wetter in Schottland anspielen sollen oder doch eher dem Ort der Aufführung gewidmet sind - das Markenzeichen des Zuschauersaals im Großen Haus sind schließlich die zahlreichen Lampenschirme unter der Decke -, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Auch auf die Balletteinlagen wird nicht vollständig verzichtet, wobei der Tanz allerdings hier von den Solisten und den fünf Statistinnen zwar anders, aber keineswegs weniger unkonventionell als bei der Uraufführung angelegt ist. Wenn sich Ariodante am Ende des ersten Aktes bereits am Ziel wähnt und mit Ginevra zum Duett "Se rinasce nel mio cor" ansetzt, wählt Fabrizio Ventura mit dem Sinfonieorchester Münster nicht nur einen Rhythmus, der dem an die Wand projizierten "Barock and Roll, Baby!" entspricht, sondern auch die Solisten rocken bei dieser Nummer richtig ab und übertragen ihre Spielfreude auf das Publikum, das auf Aufforderung dann ebenfalls beginnt mitzuklatschen. Vielleicht mag das den einen oder anderen Barockpuristen befremden, der Großteil des Publikums zeigt sich davon aber absolut begeistert und quittiert diese Szene mit großem Applaus.

Dabei nimmt van Rensburg dem Stück aber keineswegs die Ernsthaftigkeit. Wenn Ginevra ihren Geliebten Ariodante für tot hält und beinahe dem Wahnsinn verfällt, weil man sie in ihrer Trauer auch noch der Untreue beschuldigt, gelingt van Rensburg eine Umsetzung, die unter die Haut geht. Ein Gaze-Vorhang, der vor der Bühne herabgelassen wird, ermöglicht eine Doppelung der Projektionen. So sieht Ginevra das Gesicht ihres Geliebten Ariodantes sowohl vor als auch hinter ihr, und immer wenn sie versucht, den Geliebten zu erreichen, löst er sich in Rauch auf. Die Statistinnen führen dabei als Alpträume des Todes einen regelrechten Höllentanz um Ginevra auf, in den die Prinzessin hereingezogen wird. [...]

Musikalisch begeistert vor allem das Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Fabrizio Ventura, das einen frischen und richtig fetzigen Barock-Sound aus dem Graben erklingen lässt, der bei dem ansonsten häufig von Längen durchzogenen Stück musikalisch keine Langeweile aufkommen lässt. Dabei wird Ventura auch noch Teil der Inszenierung, wenn er zu Beginn von Polinesso mit Waffengewalt überhaupt in den Graben gezwungen werden muss, um mit der Ouvertüre zu beginnen, und Henrike Jakob beim Schlussapplaus Polinessos Waffe ergreift und den Dirigenten auf die gleiche Art und Weise auf die Bühne beordert. Jakob stattet die Partie der Ginevra mit großer Dramatik aus, wobei ihr Sopran in den Läufen nicht immer die erforderliche Beweglichkeit besitzt. Eva Bauchmüller begeistert als Ginevras Vertraute Dalinda mit jugendlich frischem Sopran. Youn-Seong Shim gibt mit hellem Tenor einen nach Dalinda schmachtenden Verehrer, der am Ende auch das Herz der Angebeteten gewinnt. Lukas Schmid überzeugt als König mit solidem Bass. Lisa Wedekind stattet die Titelpartie mit warmem Mezzo aus und wird auch optisch der Hosenrolle gerecht. Für die Partie des Polinesso ist der Countertenor Nicholas Tamagna verpflichtet worden, der den Bösewicht mit stupenden Höhen und großer Beweglichkeit in den Koloraturen ausstattet. Ein Höhepunkt des Abends dürfte sicherlich seine Arie "Se l'inganno sortisce felice" im zweiten Akt sein, wenn Polinesso mit seiner geglückten Intrige über Ariodante triumphiert. So gibt es am Ende frenetischen Applaus für einen in jeder Hinsicht gelungenen Theaterabend.

FAZIT: Barockfans sollten diese wunderbar umgesetzte Inszenierung keineswegs verpassen. Wer der Meinung ist, dass Barockopern langweilig seien, kann sich in Münster vom Gegenteil überzeugen.

Thomas Molke, onlinemusikmagazin, 30. März 2015

Presse

Regisseur Kobie van Rensburg breitet, wie schon in der „Zauberflöte“, Bilderwelten aus, die einen schier vergessen lassen, dass das Stück gut 280 Jahre auf dem Buckel hat. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus und findet für die Fülle an Ideen, die van Rensburg mit Hilfe virtuoser Videotechnik realisiert, doch keinen besseren Ausdruck als: barock.

Es geht damit los, dass der böse Ritter Polinesso den Dirigenten Fabrizio Ventura zwingt, in den hübsch verzierten Orchestergraben zu klettern. Zu seiner Arie wetteifern Porträtgemälde von ihm selbst, der begehrten Königstochter Ginevra und deren Geliebtem Ariodante miteinander, bevor in der Bühnenmitte das Porträt des wichtigsten Mannes aufscheint: Georg Friedrich Händel. Später spielt man am Hofe Golf, und wenn zum Ende des ersten Akts alles auf den guten Schluss mit Hochzeit zuzulaufen scheint, darf das Bühnenvolk mit Travolta-Style und Hip-Hop-Moves tänzeln. Die mitklatschenden Zuschauer im Großen Haus sind da schon aus dem Häuschen.

Bis zu diesem Punkt ist die Aufführung ein großer Theaterspaß, bei dem der Regisseur auch sein wichtigstes Versprechen einlöst: Es lässt die deutschen Texte der italienischen Oper mit der Deutlichkeit von Sprechblasen überall aufschlagen, hervorkriechen, zusammenpurzeln... Man muss tatsächlich nicht mit dem Stück vertraut sein, um alles zu verstehen. Zumal das Sinfonieorchester Münster Händels Klänge so historisierend-brillant abschnurren lässt, als hätte es sein Lebtag nichts anderes gemacht.

Doch kurz vor der Pause, im zweiten Akt, wird die Sache ernst: Trauer und Todessucht, in die der Titelheld nach einer Intrige gerät, finden in einer großen Arie Raum, zu der die Fagottstimmen wehmütig klagen: Mezzosopranistin Lisa Wedekind darf hier einfach nur in stilisierter Ruinen-Romantik kauern und singen – traurig-schön und ergreifend. Das ganze Theater ist in diesen Minuten, die die Zeit stillstehen lassen, so mucksmäuschenstill, dass Ventura Tempo und Dynamik bis aufs Äußerste drosseln kann. Nach der Pause hat Sopranistin Henrike Jacob als todgeweihte Ginevra ähnlich bewegende Momente, wozu der Regisseur einen sanften Todesengel beisteuert, ehe er, in einer der Ballett-Passagen des Werkes, mit Hilfe von Choreograf Tomasz Zwozniak ein wahres Höllenfeuer entfacht.

Das prall-ironische Vergnügen und die ganz großen Gefühle sind in dieser Inszenierung perfekt ausbalanciert, und es ist eine Lust zu erleben, wie sich die Sänger in ihren Koloratur-Parcours stürzen: Lukas Schmid ist ein würdevoller König im Rock, Youn-Seong Shim ein toller Tenor-Kavalier und Eva Bauchmüller eine so starke Sopran-Vertraute Ginevras, dass man auch ihr ein Happy End mit Ritter gönnt. Für den Bösewicht Polinesso schließlich hat das Theater einen Countertenor engagiert: Nicholas Tamagna als eleganter Bühnen-Pirat muss leider schon vor dem Finale das Zeitliche segnen. Von seinen Helden-Klängen in höchster Lage kann man gar nicht genug bekommen. Hingehen!

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 30. März 2015

 

Einfälle hat der Regisseur [Kobie van Rensburg] jede Menge. Vor drei Jahren verlegte er (ebenfalls im Theater Münster) die Zauberflöte komplett in ein Star Wars-Ambiente und bediente sich des Mittels der Videoprojektion. Das tut er jetzt auch wieder in Ariodante – intelligent und in jedem Moment schlüssig.

Die Bühne ist eine große schwarze Fläche, gelegentlich sparsam mit Requisiten bestückt wie die haushohen Wände, die anfangs einen herrschaftlichen Saal bilden. Später beschreiben künstliche Bäume ein Naturidyll, noch später wird die Fläche zu einer Waffenkammer mit lauter Schwertern für den tödlich endenden Zweikampf zwischen Lurcanio und Polinesso. [...] Kobie van Rensburg nutzt die Rückwand der Bühne ebenso wie die Bühnenportale als Projektionsfläche für Raumsimulationen: eine Königshalle, weite Landschaft, gotische Fenster - und für das, was man Übertitel nennt, die hier aber an ganz unterschiedlichen Orten auftauchen wie Sprechblasen ohne Blasen. Das ist absolut virtuos gemacht! Durch die gesamte Inszenierung ziehen sich (echte wie virtuelle) Schirme, Golfschläger, Pistolen; niedlich, wenn das glückliche Paar wie Pan Tau auf einem Video durch die Lüfte weht, wenn sich rote Herzchen da hineinmischen. Die berührendsten großen Momente entwickelt und bebildert van Rensburg in Händels meisterhaften Arien, kann sich dabei auf die erstaunlich hohe Qualität des Sinfonieorchesters Münster verlassen. GMD Fabrizio Ventura hat sein Ensemble auf Hochglanz poliert und macht mit ihm alle Facetten emotionaler Regungen erlebbar. Überschäumender Jubel und abgrundtiefe Verzweiflung - zwischen diesen Extremen changiert das Klangbild des Orchesters. [...] Groß, ja überschwänglich war der Applaus des Premierenpublikums.

Chirstoph Schulte im Walde, theaterpur.net, 30. März 2015

 

Kobie van Rensburg, der in Münster bereits in seiner Inszenierung der Zauberflöte in der letzten Spielzeit mit beeindruckenden Videoprojektionen Akzente gesetzt hat, bleibt auch bei Händels Oper diesem Konzept treu, was in jeder Hinsicht aufgeht und die drei Stunden regelrecht im Flug vergehen lässt. Auf mehrere verschiebbare weiße Wände projiziert er zum einen beeindruckende Bühnenräume, mit denen sich das reale Bühnenbild auf nur wenige Requisiten reduzieren lässt, und spielt zum anderen auf bildliche Art mit den Motivationen der einzelnen Figuren. [...]

Dabei setzt van Rensburg allerdings bei aller Dramatik auch auf gute Unterhaltung und baut zahlreiche komischen Momente ein. Ob die Regenschirme, mit denen die Figuren über die Bühne laufen und die in zahlreichen Szenen aus dem Schnürboden herabhängen, nun auf das regnerische Wetter in Schottland anspielen sollen oder doch eher dem Ort der Aufführung gewidmet sind - das Markenzeichen des Zuschauersaals im Großen Haus sind schließlich die zahlreichen Lampenschirme unter der Decke -, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Auch auf die Balletteinlagen wird nicht vollständig verzichtet, wobei der Tanz allerdings hier von den Solisten und den fünf Statistinnen zwar anders, aber keineswegs weniger unkonventionell als bei der Uraufführung angelegt ist. Wenn sich Ariodante am Ende des ersten Aktes bereits am Ziel wähnt und mit Ginevra zum Duett "Se rinasce nel mio cor" ansetzt, wählt Fabrizio Ventura mit dem Sinfonieorchester Münster nicht nur einen Rhythmus, der dem an die Wand projizierten "Barock and Roll, Baby!" entspricht, sondern auch die Solisten rocken bei dieser Nummer richtig ab und übertragen ihre Spielfreude auf das Publikum, das auf Aufforderung dann ebenfalls beginnt mitzuklatschen. Vielleicht mag das den einen oder anderen Barockpuristen befremden, der Großteil des Publikums zeigt sich davon aber absolut begeistert und quittiert diese Szene mit großem Applaus.

Dabei nimmt van Rensburg dem Stück aber keineswegs die Ernsthaftigkeit. Wenn Ginevra ihren Geliebten Ariodante für tot hält und beinahe dem Wahnsinn verfällt, weil man sie in ihrer Trauer auch noch der Untreue beschuldigt, gelingt van Rensburg eine Umsetzung, die unter die Haut geht. Ein Gaze-Vorhang, der vor der Bühne herabgelassen wird, ermöglicht eine Doppelung der Projektionen. So sieht Ginevra das Gesicht ihres Geliebten Ariodantes sowohl vor als auch hinter ihr, und immer wenn sie versucht, den Geliebten zu erreichen, löst er sich in Rauch auf. Die Statistinnen führen dabei als Alpträume des Todes einen regelrechten Höllentanz um Ginevra auf, in den die Prinzessin hereingezogen wird. [...]

Musikalisch begeistert vor allem das Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Fabrizio Ventura, das einen frischen und richtig fetzigen Barock-Sound aus dem Graben erklingen lässt, der bei dem ansonsten häufig von Längen durchzogenen Stück musikalisch keine Langeweile aufkommen lässt. Dabei wird Ventura auch noch Teil der Inszenierung, wenn er zu Beginn von Polinesso mit Waffengewalt überhaupt in den Graben gezwungen werden muss, um mit der Ouvertüre zu beginnen, und Henrike Jakob beim Schlussapplaus Polinessos Waffe ergreift und den Dirigenten auf die gleiche Art und Weise auf die Bühne beordert. Jakob stattet die Partie der Ginevra mit großer Dramatik aus, wobei ihr Sopran in den Läufen nicht immer die erforderliche Beweglichkeit besitzt. Eva Bauchmüller begeistert als Ginevras Vertraute Dalinda mit jugendlich frischem Sopran. Youn-Seong Shim gibt mit hellem Tenor einen nach Dalinda schmachtenden Verehrer, der am Ende auch das Herz der Angebeteten gewinnt. Lukas Schmid überzeugt als König mit solidem Bass. Lisa Wedekind stattet die Titelpartie mit warmem Mezzo aus und wird auch optisch der Hosenrolle gerecht. Für die Partie des Polinesso ist der Countertenor Nicholas Tamagna verpflichtet worden, der den Bösewicht mit stupenden Höhen und großer Beweglichkeit in den Koloraturen ausstattet. Ein Höhepunkt des Abends dürfte sicherlich seine Arie "Se l'inganno sortisce felice" im zweiten Akt sein, wenn Polinesso mit seiner geglückten Intrige über Ariodante triumphiert. So gibt es am Ende frenetischen Applaus für einen in jeder Hinsicht gelungenen Theaterabend.

FAZIT: Barockfans sollten diese wunderbar umgesetzte Inszenierung keineswegs verpassen. Wer der Meinung ist, dass Barockopern langweilig seien, kann sich in Münster vom Gegenteil überzeugen.

Thomas Molke, onlinemusikmagazin, 30. März 2015


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