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ANDORRA

Schauspiel von Max Frisch

  • Garry Fischmann, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Jonas Riemer
    © Oliver Berg
  • Natalja Joselewitsch, Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Natalja Joselewitsch, Bálint Tóth, Christian Bo Salle, Jonas Riemer, Frank-Peter Dettmann, Gerhard Mohr, Ilja Harjes <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Bálint Tóth, Christian Bo Salle, Jonas Riemer, Frank-Peter Dettmann, Gerhard Mohr, Ilja Harjes
    © Oliver Berg
  • Jonas Riemer, Bálint Tóth, Christian Bo Salle, Regine Andratschke, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Jonas Riemer, Bálint Tóth, Christian Bo Salle, Regine Andratschke, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann, Natalja Joselewitsch <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Natalja Joselewitsch
    © Oliver Berg
  • Natalja Joselewitsch, Garry Fischmann,  Bálint Tóth, Christian Bo Salle <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Christian Bo Salle
    © Oliver Berg
  • Regine Andratschke, Natalja Joselewitsch, Frank-Peter Dettmann, Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Regine Andratschke, Natalja Joselewitsch, Frank-Peter Dettmann, Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Gerhard Mohr, Jonas Riemer, Ilja Harjes, Christian Bo Salle, Bálint Tóth <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Gerhard Mohr, Jonas Riemer, Ilja Harjes, Christian Bo Salle, Bálint Tóth
    © Oliver Berg
  • Claudia Hübschmann, Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Claudia Hübschmann, Garry Fischmann
    © Oliver Berg

»Andri, du bist der einzige hier, der die Wahrheit nicht zu fürchten braucht …«

Mi, 03. Januar 2018
19.30 Uhr · Kleines Haus · Preise D
Mittwochabo Kleines Haus

In Andorra ist man stolz auf sein Land mit den weiß gemalten Hauswänden. Hier ist alles ein wenig besser als andernorts und man weiß auch um die Unterschiede. Man weiß, wie sich ein Jude verhält und dass er besser mit Geld als mit Holz umgehen kann. Andri glaubt, er sei Jude, und verliebt sich in Barblin, von der er nicht weiß, dass sie seine Halbschwester ist. Als Andorra von den Schwarzen, einem übermächtigen, rassistischen Staat, bedroht wird, schlagen die alltäglichen Ressentiments in Gewalt um. Andris Vater will seinen Sohn vor der Verfolgung retten, indem er ihm seine wahre Herkunft offenbart. Nicht nur die Liebe zu Barblin ist für Andri plötzlich unmöglich, er kann auch seine Identität als Jude nicht mehr aufgeben. Als die Schwarzen Andorra besetzen, ist die Katastrophe greifbar. Doch niemand schreitet ein, alle sehen tatenlos zu …

Mit dem Stück ANDORRA aus dem Jahre 1961 setzt das Schauspiel Münster seine Beschäftigung mit Klassikern des politischen Theaters der Nachkriegszeit fort. ANDORRA ist ebenso eine berührende konzentrierte Familientragödie als auch ein Modellstück über feiges Mitläufertum und Xenophobie sowie die Frage, ob jede Gesellschaft einen Schuldigen braucht.

 

Aufführungsdauer ca. 110 Minuten, keine Pause

Info

In Andorra ist man stolz auf sein Land mit den weiß gemalten Hauswänden. Hier ist alles ein wenig besser als andernorts und man weiß auch um die Unterschiede. Man weiß, wie sich ein Jude verhält und dass er besser mit Geld als mit Holz umgehen kann. Andri glaubt, er sei Jude, und verliebt sich in Barblin, von der er nicht weiß, dass sie seine Halbschwester ist. Als Andorra von den Schwarzen, einem übermächtigen, rassistischen Staat, bedroht wird, schlagen die alltäglichen Ressentiments in Gewalt um. Andris Vater will seinen Sohn vor der Verfolgung retten, indem er ihm seine wahre Herkunft offenbart. Nicht nur die Liebe zu Barblin ist für Andri plötzlich unmöglich, er kann auch seine Identität als Jude nicht mehr aufgeben. Als die Schwarzen Andorra besetzen, ist die Katastrophe greifbar. Doch niemand schreitet ein, alle sehen tatenlos zu …

Mit dem Stück ANDORRA aus dem Jahre 1961 setzt das Schauspiel Münster seine Beschäftigung mit Klassikern des politischen Theaters der Nachkriegszeit fort. ANDORRA ist ebenso eine berührende konzentrierte Familientragödie als auch ein Modellstück über feiges Mitläufertum und Xenophobie sowie die Frage, ob jede Gesellschaft einen Schuldigen braucht.

 

Aufführungsdauer ca. 110 Minuten, keine Pause

Leitung

Inszenierung Laura Linnenbaum

Bühne & Kostüme David Gonter

Musik Lothar Müller

Dramaturgie Barbara Bily


Besetzung

Andri Garry Fischmann

Barblin Natalja Joselewitsch

Der Lehrer Frank-Peter Dettmann

Die Mutter Regine Andratschke

Die Senora Claudia Hübschmann

Der Pater Christoph Rinke

Der Soldat Jonas Riemer

Der Wirt Ilja Harjes

Der Tischler Christian Bo Salle

Der Doktor Gerhard Mohr

Der Geselle Bálint Tóth

Besetzung

Leitung

Inszenierung Laura Linnenbaum

Bühne & Kostüme David Gonter

Musik Lothar Müller

Dramaturgie Barbara Bily


Besetzung

Andri Garry Fischmann

Barblin Natalja Joselewitsch

Der Lehrer Frank-Peter Dettmann

Die Mutter Regine Andratschke

Die Senora Claudia Hübschmann

Der Pater Christoph Rinke

Der Soldat Jonas Riemer

Der Wirt Ilja Harjes

Der Tischler Christian Bo Salle

Der Doktor Gerhard Mohr

Der Geselle Bálint Tóth


Zwischen Kälte und Sarkasmus

Das Mädchen Barblin muss weißeln. Nicht nur, weil der Sanktgeorgstag bevorsteht, sondern aus Prinzip. Die geweißelten Häuser symbolisieren die sprichwörtliche Weiße Weste des Kleinstaats Andorra – den Max Frisch symbolisch als Mini-Biotop wählte, in welchem Selbstgefälligkeit, Feigheit und Diskriminierung wie Unkraut wuchern.

Soll man diese Zeitlosigkeit der Diskriminierung betonen, die Frisch 1961 verständlicherweise am Antisemitismus festmachte? Oder soll man auf ähnliche Ausgrenzungen Bezug nehmen – die dann unweigerlich den thematischen Kern beschädigen würden? Ein Dilemma, das auch die Inszenierung von Laura Linnenbaum (erstmals am Theater Münster) nicht auflöst. Sie punktet jedoch mit ästhetischer Stringenz und pendelt überzeugend zwischen Kälte und Sarkasmus. Diese Kälte ist in der weißen Fassade Andorras bereits angelegt (Bühne: David Gonter). Die Scheinwerfer wechseln nur zwischen eisig und steril. Auch die Gesichter sind leichenweiß, lassen die Andorraner wie eine Zombie-Gemeinschaft wirken. Und wenn sie gleich einer stummen Beerdigungs-Kapelle vor der Bühne vorbeihumpeln, ist die tödliche Metapher klar: Andorra – »The Walking ­Dead«.

Andri ist mit Garry Fischmann auf den Punkt besetzt. Ein ängstlicher Rebell, der irgendwo zwischen Shylock und James Dean seinem Ende zusteuert. Ein Bündel Angst ist auch sein Vater, dem Frank-Peter Dettmann ein berührendes Fünkchen Würde lässt. Jonas Riemer (der Soldat) und Ilja Harjes (der Wirt) glänzen als Fieslinge, während Natalja Joselewitsch (Andris Schwester Barblin) melancholisch die Schablonenhaftigkeit der Andorraner durchbricht.

Arndt Zinkant, Westfälische Nachrichten, 27. Dezember 2017

 

bebilderte Parabel mit frecher Symbolik

Sie [Regisseurin Laura Linnenbaum] lässt die Figuren […] erst einmal sich im Bühnenvordergrund zusammenfinden und mit einer Suhrkamp-Ausgabe in der Hand den Text durchgehen, um zu zählen, wie oft das Wort "Jud" fällt. Und weil es beim Umblättern der Seiten immer wieder lustig staubt, ist gleich klar, dass Linnenbaum keine Scheu hat, mit vordergründig frecher Symbolik ("Mal gucken, ob das nicht längst ein oller Klassiker ohne Gegenwart ist") Frischs Parabel zu bebildern.

Dass es sich um eine solche handelt, signalisiert umgehend die Ausstattung. Zwar nähern sich die Kostüme (David Gonter) der Mode der frühen 1960er Jahre an. Die bleich geschminkten Gesichter der Schauspieler lassen jedoch nicht daran zweifeln, dass hier was Abstraktes geboten wird. Diesen Eindruck unterstützt entschieden die Bühne, deren Boden Gonter als ein nach hinten leicht ansteigendes Dreieck gestaltet hat. Es ist mit weißen Kieselsteinen ausgelegt, so dass es bei jedem Schritt knirscht, als ginge dort nicht ein einzelner Mensch, sondern als marschierte ein halbes Bataillon. Eingerahmt ist das Dreieck mit geweißten Sperrholzplatten. Das nimmt zunächst klug auf, dass in "Andorra" zu Beginn die Häuser fleißig geweißelt werden.

Als zuletzt das an sich schon fragile Sozialgefüge der Stadt ins Wanken gerät, wackeln die weißen Wände bedeutungsvoll und geben den Blick ins Schwarz des Bühnenhintergrunds frei.

Linnenbaum lässt die Andorraner im Handlungsverlauf nie das Wort "Jud", das sie eingangs im Dramentext gezählt haben, aussprechen. Das tut schließlich nur der vermeintliche Jude Andri (Garry Fischmann), kurz bevor er getötet wird. Die Inszenierung entlarvt so das antisemitische Sprechen der Gegenwart, das durch Verschweigen von vermeintlich diskreditierten Begriffen versucht, sich nicht angreifbar zu machen.

Kai Bremer, nachtkritik.de, 23. Dezember 2017

 

Presse

Zwischen Kälte und Sarkasmus

Das Mädchen Barblin muss weißeln. Nicht nur, weil der Sanktgeorgstag bevorsteht, sondern aus Prinzip. Die geweißelten Häuser symbolisieren die sprichwörtliche Weiße Weste des Kleinstaats Andorra – den Max Frisch symbolisch als Mini-Biotop wählte, in welchem Selbstgefälligkeit, Feigheit und Diskriminierung wie Unkraut wuchern.

Soll man diese Zeitlosigkeit der Diskriminierung betonen, die Frisch 1961 verständlicherweise am Antisemitismus festmachte? Oder soll man auf ähnliche Ausgrenzungen Bezug nehmen – die dann unweigerlich den thematischen Kern beschädigen würden? Ein Dilemma, das auch die Inszenierung von Laura Linnenbaum (erstmals am Theater Münster) nicht auflöst. Sie punktet jedoch mit ästhetischer Stringenz und pendelt überzeugend zwischen Kälte und Sarkasmus. Diese Kälte ist in der weißen Fassade Andorras bereits angelegt (Bühne: David Gonter). Die Scheinwerfer wechseln nur zwischen eisig und steril. Auch die Gesichter sind leichenweiß, lassen die Andorraner wie eine Zombie-Gemeinschaft wirken. Und wenn sie gleich einer stummen Beerdigungs-Kapelle vor der Bühne vorbeihumpeln, ist die tödliche Metapher klar: Andorra – »The Walking ­Dead«.

Andri ist mit Garry Fischmann auf den Punkt besetzt. Ein ängstlicher Rebell, der irgendwo zwischen Shylock und James Dean seinem Ende zusteuert. Ein Bündel Angst ist auch sein Vater, dem Frank-Peter Dettmann ein berührendes Fünkchen Würde lässt. Jonas Riemer (der Soldat) und Ilja Harjes (der Wirt) glänzen als Fieslinge, während Natalja Joselewitsch (Andris Schwester Barblin) melancholisch die Schablonenhaftigkeit der Andorraner durchbricht.

Arndt Zinkant, Westfälische Nachrichten, 27. Dezember 2017

 

bebilderte Parabel mit frecher Symbolik

Sie [Regisseurin Laura Linnenbaum] lässt die Figuren […] erst einmal sich im Bühnenvordergrund zusammenfinden und mit einer Suhrkamp-Ausgabe in der Hand den Text durchgehen, um zu zählen, wie oft das Wort "Jud" fällt. Und weil es beim Umblättern der Seiten immer wieder lustig staubt, ist gleich klar, dass Linnenbaum keine Scheu hat, mit vordergründig frecher Symbolik ("Mal gucken, ob das nicht längst ein oller Klassiker ohne Gegenwart ist") Frischs Parabel zu bebildern.

Dass es sich um eine solche handelt, signalisiert umgehend die Ausstattung. Zwar nähern sich die Kostüme (David Gonter) der Mode der frühen 1960er Jahre an. Die bleich geschminkten Gesichter der Schauspieler lassen jedoch nicht daran zweifeln, dass hier was Abstraktes geboten wird. Diesen Eindruck unterstützt entschieden die Bühne, deren Boden Gonter als ein nach hinten leicht ansteigendes Dreieck gestaltet hat. Es ist mit weißen Kieselsteinen ausgelegt, so dass es bei jedem Schritt knirscht, als ginge dort nicht ein einzelner Mensch, sondern als marschierte ein halbes Bataillon. Eingerahmt ist das Dreieck mit geweißten Sperrholzplatten. Das nimmt zunächst klug auf, dass in "Andorra" zu Beginn die Häuser fleißig geweißelt werden.

Als zuletzt das an sich schon fragile Sozialgefüge der Stadt ins Wanken gerät, wackeln die weißen Wände bedeutungsvoll und geben den Blick ins Schwarz des Bühnenhintergrunds frei.

Linnenbaum lässt die Andorraner im Handlungsverlauf nie das Wort "Jud", das sie eingangs im Dramentext gezählt haben, aussprechen. Das tut schließlich nur der vermeintliche Jude Andri (Garry Fischmann), kurz bevor er getötet wird. Die Inszenierung entlarvt so das antisemitische Sprechen der Gegenwart, das durch Verschweigen von vermeintlich diskreditierten Begriffen versucht, sich nicht angreifbar zu machen.

Kai Bremer, nachtkritik.de, 23. Dezember 2017

 


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