1000 ZEICHEN

In diesem Blog teilen die Hausautor*innen Ivana Sokola und Jona Spreter ihre Gedanken und Eindrücke zu Münster – mit jeweils maximal 1000 Zeichen.

#3

 

Bei REWE kaufe ich Coronatests und Tütensuppen für Jona. Vor mir bezahlt eine Nonne aufgeschnittenen Leberkäse und zwei kleine Flaschen Wodka Gorbatschow. Die Kassiererin, ich kenne sie schon, redet sehr leise, hat neugierige Augen und sagte mir kürzlich etwas Privates, das ich nicht verstand. Ich muss genickt haben. Im Nieselregen laufe ich eine Weile am Aasee entlang und überall spielen die Erstsemester Bierpong, fahren die Erstsemester Bobbycar-Rennen, laufen die Erstsemester mit Bierkästen und Trichtern vor mir her. Am Hafen wirft ein Kleinkind mit vollen Händen Brot nach den Enten. Und dann fahren wir aus Münster raus, verlassen Münster, können Münster doch nicht verlassen und sehen die Alleen, die alles umgeben, überholen eine Rennradfahrerin, ein wenig zu schnell in der Kurve. Jeden Moment könnte die BURG auftauchen, sage ich zu Jona. Sie taucht nicht auf. Auch Jona redet sehr leise. Ich nicke. (914)

Ivana Sokola

 

Ich habe seit Tagen mit keinem Menschen gesprochen. Mit zwei roten Strichen schleicht sie aus, die Zeit. Im Bett schaue ich Dokus vom Schweizer Rundfunk. Der Nachbar gegenüber ist in seinem Gaming-Stuhl eingeschlafen. Manchmal sagt man zu Menschen: Ich will dich wiedersehen, obwohl das gelogen ist. Wenn wir das nächste Mal nach Münster kommen, wird eine Schneeflocke auf meinem dürftigen Schnauzer landen, stelle ich mir vor. Wir sind auf der Autobahn, ich bin erleichtert. Ivana sagt: Oliver Sim hat sein erstes Soloalbum gedroppt, mach das mal an. "What would my father do? Do I take a bite, take a bite of the fruit?" Und als wir in Berlin einfahren, über den Kontrollpunkt Dreilinden, die Abendsonne im Rücken, und sich alles anfühlt, als würden wir immer noch in den Zehnerjahren leben, da bauen wir fast einen Unfall, aber nur fast. (840)

Jona Spreter

#2

 

Die leuchtende Jakobsleiter am Kirchturm lässt St. Lamberti wie das Empire State Building erscheinen. Mir schwirrt der Kopf in der Theaterkantine. Die Angst ist eine Lücke, die ich immer neu befüllen muss mit Bildern. Extrablatt, Extrablatt: Das Stadtbad Mitte ist am 3. Oktober geschlossen (und dienstags auch). Der Himmel sieht wenig feierlich aus. Alaaeldin sagt, im Sommer nimmt er kein Handtuch mit zum Kanal, so nah ist seine Wohnung. Beim Münsterland Giro will ich für eine Grillwurst nicht anstehen. Die Postkarte an meine Großmutter ist überfrankiert. "Ich hoffe der Herbst macht dir nicht zu sehr zu schaffen und du verbringst viele sonnige Tage.“ Ivana, was sagte Heiner Müller über die unschuldigen Gesichter der Menschen in Westdeutschland? In Schaufensterscheiben werfe ich hastige Blicke auf mich. (812) 

Jona Spreter

 

So schnell laufen sich die Wege ein; in der angemieteten Wohnung nimmt das Sofa die Formen unserer Körper an. Dann gab es diesen Abend in der Metal-Bar und ein eigentümliches Gefühl von Altern im Jugendzentrum. Ich frage mich, wie die Sprache hier wirklich klingt und wer die Worte benutzt, die sich die Bäckereiketten in dialektaler Anbiederung an die Fenster schreiben. Menschen demonstrieren fürs GAZO und werden dabei von anderen Menschen fotografiert, gutmütig beinahe. Hat Heiner Müller je an Münster gedacht? Man lieh mir ein Fahrrad und ich bin kaum damit gefahren. Zweimal lief ich zum Aasee und drehte sofort wieder um. Der Himmel erzählt weniger und weniger je weiter der Herbst. Diese Woche nichts über die Kirchen gedacht. Eigentlich sehe ich sie schon gar nicht mehr. (781)

Ivana Sokola

#1

 

Es hält sich der Eindruck, hier zur Ruhe zu kommen. Beim Gang über den Prinzipalmarkt die gut gekleideten Menschen. Es ist kälter als gedacht. Ivana entscheidet sich für Wurzelgemüse. Beim Abendessen zwinge ich ihr den neuen Theaterpodcast auf. Das Gefühl, dass Münster das ist, was eine "Stadt" ist, als Stadt gewachsen. TEURER ALS PARIS, ruft einer durchs Mocambo. Ivana sagt mir, sie könne nicht aufhören, die Dinge vom Ende her zu denken, auch unser erster Aufenthalt hier sei doch schon in zwei Wochen vorüber. Ich schüttle den Kopf. Manchmal, wenn ich nicht geradeausdenken kann in letzter Zeit, gebe ich mir Ohrfeigen, ganz leichte, links rechts. Negroni Sbagliato ist ein tückischer Drink. Meine Mutter erzählt mir am Telefon, sie sei einmal im Münsterland auf einem großen Bauernhof gewesen. Bei Peek & Cloppenburg kaufe ich mir eine Steppweste. Die Blumen vor dem Rathaus sind verschwunden. Eine einzelne Kerze ist jetzt dort. (935)

Jona Spreter

 

Ich besuche den Dom. Dieser Weihrauchnebel, den man sich kaum ausdenken kann mit einem Streifen Licht dazwischen und im Stein ein Äffchen, das ein anderes hält. Wenn man nah an die astronomische Uhr herangeht, hört man sie pochen, und das scheint wahnsinnig durch die Jahrhunderte hindurch. Manchmal fragt jemand: Was denkst du über Münster, Jona? Und dann sagt Jona vielleicht was über die Altstadtfassaden. Ich versuche in dieser Woche, das Wort "Berlin" zu vermeiden. Jona verlangt es nach Rosinenschnecken, aber der Norden überzieht sie mit Marzipan und so kann er sie nicht kaufen. Ich bin ja tatsächlich daran gewöhnt. Generell am Samstag ein großes Geschnatter und eine angenehme Aufregung. Und dann wieder Glocken und ein ganz sanftes Licht. (749)

Ivana Sokola