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TOM AUF DEM LANDE

von Michel Marc Bouchard

ab 16 Jahren
Deutschsprachige Erstaufführung
  • Garry Fischmann, Regine Andratschke, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Regine Andratschke, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann, Regine Andratschke, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Regine Andratschke, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Natalja Joselewitsch <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Natalja Joselewitsch
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Regine Andratschke, Garry Fischmann, Natalja Joselewitsch <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Regine Andratschke, Garry Fischmann, Natalja Joselewitsch
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann, Regine Andratschke, Natalja Joselewitsch, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Regine Andratschke, Natalja Joselewitsch, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann, Natalja Joselewitsch, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Natalja Joselewitsch, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Regine Andratschke <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Regine Andratschke
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann
    © Oliver Berg

Du sagst mir, wann ich aufhören soll! Du entscheidest. Du gibst mir ein Zeichen, dann höre ich auf.

Premiere
Do, 29. Dezember 2016
19.30 Uhr · U2 · Preise G

Tom hat seinen Freund Guillaume bei einem Unfall verloren. Er beschließt, aus Montréal zu dessen Begräbnis in die Provinz zu fahren. Dort auf einer Farm leben Guillaumes Mutter Agathe und sein älterer Bruder Francis. Tom gibt sich als Arbeitskollege des Verstorbenen aus, weil Agathe nichts von der Homosexualität ihres Sohnes ahnt. Francis tut alles, damit die Wahrheit über seinen Bruder nicht bekannt wird und schreckt dabei auch vor Gewalt gegen Tom nicht zurück. In der Abgeschiedenheit des Bauernhofes gerät Tom immer mehr in einen tiefen Strudel von Abhängigkeiten und erträgt Brutalität, Hass und Erniedrigung auf irritierende Weise.

Der spannende Psychothriller des Kanadiers Michel Marc Bouchard fand große Beachtung durch die Verfilmung des franko-kanadischen Nachwuchsregisseurs Xavier Dolan unter dem Titel SAG NICHT WER DU BIST. Das Theater Münster zeigt TOM AUF DEM LANDE in der deutschsprachigen Erstaufführung.

Aufführungsdauer ca. 100 Minuten, keine Pause

Info

Tom hat seinen Freund Guillaume bei einem Unfall verloren. Er beschließt, aus Montréal zu dessen Begräbnis in die Provinz zu fahren. Dort auf einer Farm leben Guillaumes Mutter Agathe und sein älterer Bruder Francis. Tom gibt sich als Arbeitskollege des Verstorbenen aus, weil Agathe nichts von der Homosexualität ihres Sohnes ahnt. Francis tut alles, damit die Wahrheit über seinen Bruder nicht bekannt wird und schreckt dabei auch vor Gewalt gegen Tom nicht zurück. In der Abgeschiedenheit des Bauernhofes gerät Tom immer mehr in einen tiefen Strudel von Abhängigkeiten und erträgt Brutalität, Hass und Erniedrigung auf irritierende Weise.

Der spannende Psychothriller des Kanadiers Michel Marc Bouchard fand große Beachtung durch die Verfilmung des franko-kanadischen Nachwuchsregisseurs Xavier Dolan unter dem Titel SAG NICHT WER DU BIST. Das Theater Münster zeigt TOM AUF DEM LANDE in der deutschsprachigen Erstaufführung.

Aufführungsdauer ca. 100 Minuten, keine Pause

Leitung

Inszenierung Michael Letmathe

Bühne & Kostüme Christine von Bernstein

Musik Fabian Kuss

Dramaturgie Barbara Kerscher


Besetzung

Tom Garry Fischmann

Francis Christoph Rinke

Agathe Regine Andratschke

Sara Natalja Joselewitsch

Besetzung

Leitung

Inszenierung Michael Letmathe

Bühne & Kostüme Christine von Bernstein

Musik Fabian Kuss

Dramaturgie Barbara Kerscher


Besetzung

Tom Garry Fischmann

Francis Christoph Rinke

Agathe Regine Andratschke

Sara Natalja Joselewitsch


... eine ungebremste Macht der Emotionen ...

 Hörfunkbeitrag von Stefan Keim, WDR 3 Mosaik, 30. Dezember 2016

 

In Michel Marc Bouchards Stück TOM AUF DEM LANDE, das gestern seine deutsche Erstaufführung in Münster hatte, reist der Titelheld in die gar nicht idyllische Provinz, um an der Beerdigung seines überraschend verstorbenen Lebensgefährten teilzunehmen. Hier tritt ihm offene Homophobie in Gestalt des Bruders des Verstorbenen entgegen. Bouchard gelingt es, dieses etwas stereotype Setting in eine emotional hochkomplexe Tragödie zu überführen, die sogar einen überraschenden Schluss bereit hält, in dem mit Blut nicht gegeizt wird (freilich ohne Gefährdung der Abendgarderobe wie ehedem in Thalheimers ORESTIE). Dramatische Handwerkskunst par excellence gepaart mit politischer Positionierung – ein Stück also, das das Zeug hat, in nächster Zeit noch oft nachgespielt zu werden.

Regisseur Michael Letmathe hat sich beeindruckend intensiv auf den Text eingelassen. Es gibt einen einzigen kleinen Scherz am Rande (bei einer Reihe von projizierten Madonnen-Bildern sieht man einmal kurz auch die Sängerin Madonna). Jenseits dessen ist der gesamte Abend auf die verschiedenen Dialoge und die kurzen episierenden Monologe konzentriert, in denen Tom immer wieder seine Situation reflektiert, kommentiert und damit die Handlung durchbricht. Auch verzichtet Letmathe weitgehend auf Reminiszenzen an die so erfolgreiche Verfilmung des Stücks von Xavier Dolan.

Zwar trägt Tom in Münster zu Beginn noch die gleiche schwarze Lederjacke wie im Film. Aber ansonsten findet Christine von Bernstein (Bühne und Kostüme) eine eigene, reduziert-symbolische Bildsprache. Francis etwa, der Bruder des Toten, macht allein schon mit seinem stramm in die Hose gesteckten weißen Polo-Hemd klar, dass er die heteronormative Herrenrasse verkörpert. Die Handlung findet in einem kleinen Haus-Gerüst statt – ohne Wände, jedoch mit Leuchtstoffröhren entlang der Deckenrahmen. Damit eine Ahnung vom Landleben aufkommt, wird zwischendurch eine Schubkarre voll Erdreich entleert. Insgesamt aber ist alles wohltuend spartanisch eingerichtet, so dass die Handlung ganz im Zentrum steht.

Alle vier Schauspieler agieren einfühlend, nie karikierend oder aus der Rolle tretend. Garry Fischmann ist der immer mehr im Landleben aufgehende Tom, Regine Andratschke Agathe, die Mutter des Verstorbenen. Christoph Rinkes Körpersprache zeigt deutlich, wie sehr die Schwulenfeindlichkeit von Francis der eigenen Unsicherheit geschuldet ist, ohne Verständnis für ihn zu heucheln. Selbst Natalja Joselewitsch, die später als Toms Kollegin Sara hinzukommt, um der Mutter vorzugaukeln, sie sei die Freundin des Verstorbenen gewesen, damit Agathe nicht mitbekommt, dass ihr toter Sohn schwul war, legt die Rolle, die deutlich Plattitüden-Potential hat, mit überzeugendem Ernst aus.

Vor allem aber agieren die vier Darsteller im Zusammenspiel überzeugend. Wenn Francis Tom von seinem Abschlussball erzählt und die beiden beginnen, immer leidenschaftlicher miteinander Rumba zu tanzen (Choreographie: Tri Thanh Pham), bringt Letmathe Bouchards Kernanliegen, die fließenden Übergänge zwischen den sexuellen Dispositionen, szenisch wunderbar auf den Punkt.

Kai Bremer, nachtkritik.de, 30. Dezember 2016

 

In Michel Marc Bouchards Kammerspiel »Tom auf dem Lande«, das im U2 des Theaters Münster deutschsprachige Erstaufführung hatte, prallen Welten aufeinander. Tom arbeitet in Montreal in einer Werbeagentur. Als sein Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt, reist er zum Begräbnis in die Provinz, wo er alles andere als freundlich aufgenommen wird. Die Mutter seines Geliebten weiß nichts von dessen Homosexualität, und der Bruder tut alles, damit das auch so bleibt. Notfalls mit Gewalt. Es ist eine Mauer aus Schweigen und Verdrängen, an der sich Tom den Kopf einrennt.

Regisseur Micheal Letmathe setzt das mitunter sehr emotional gestimmte Stück mit minimalistischem Bühnenbild (Christine von Bernstein) in Szene. Außer einem Haufen Erde und einem Eisengestell, das ein Farmhaus andeutet, ist die Bühne leer. Nichts lenkt von dem ab, was verhandelt wird. Und das ist neben der Homophobie der Landbewohner auch die verdrängte Schuld der Mutter, die ahnt, dass sie Fehler gemacht hat, sich das aber nicht eingestehen kann. Regine Andratschke überzeugt hier durch eine fragile Balance zwischen resolutem Auftreten und tief empfundener Trauer um den toten Sohn.

Der Hauptkonflikt spielt sich aber zwischen Tom und Francis ab. Garry Fischmann in der Rolle des schwulen Städters leidet zunächst unter der Situation, in die er unversehens geraten ist, entwickelt dann aber eine irrationale Zuneigung zu seinem Peiniger Francis. Diesem gibt Christoph Rinke anfangs eine etwas eindimensional wirkende Brutalität mit, wird dann aber mit zunehmendem Spiel immer differenzierter, sodass am Ende er die eigentlich tragische Figur ist.

Für eine gewisse Komik in dem ansonsten eher beklemmenden Stück sorgt Natalja Joselewitsch als fingierte Freundin des Toten. Ihr Auftauchen führt zwar zu einer neuerlichen Wende in der fatalen Situation, aber keineswegs zu einer etwaigen Läuterung oder gar zu einem versöhnlichen Ende – was nach dem Vorhergegangenen auch nicht glaubhaft gewesen wäre.

Jana Simon, Westfälische Nachrichten, 31. Dezember 2016

 

Eine fesselnde Studie über Selbstverleugnung und Fanatismus konnte das Publikum am Donnerstag im Theater Münster genießen, als in dessen Spielstätte U2 das Stück TOM AUF DEM LANDE des frankokanadischen Autors Michel Marc Bouchard seine beeindruckende Premiere erlebte. Das konzentrierte Drama in der Regie von Michael Letmathe wurde als deutschsprachige Erstaufführung vorgestellt.

[...] Wie Garry Fischmann als städtischer Hipster und Christoph Rinke als kantig-kolossaler Naturbursche einander unterstützen oder bekämpfen und welche Abgründe der Unterwerfung und Selbstverleugnung sie in sich entdecken müssen, das ist nuancenreiche, kraftvolle und mitreißende Schauspielkunst, die darin gipfelt, dass sie das Äußerste dieser Hölle erschreckend glaubhaft macht: Brutal ausgelebter Hass gegeneinander geht einher mit einer Begierde füreinander. Und solche höchstes Gefühls-Chaos kann nur in eine Katastrophe münden, als Mutter Agathe den offenkundigen Selbstbetrug nicht mehr aufrecht erhalten kann.

Regisseur Letmathe schafft es in dem 90-minütigen Kammerspiel sogar, den Kern, die Angst vor Homosexualität, zu erweitern. Der Zuschauer begreift zunehmend den universellen Gehalt des Stücks. Auch religiöser oder politischer Fanatismus, wenn er die vielfältige Realität des Lebens fürchtet, führt zur Vernichtung dessen, was nicht sein soll.

Alexander Reuter, Die Glocke, 31.12.2016

 

Als Xavier Dolan vor ein paar Jahren TOM AUF DEM LANDE verfilmt hat, wurde aus Michel Marc Bouchards Theaterstück ein klaustrophobischer Psychothriller. Der Film, der unter dem Titel SAG NICHT, WER DU BIST in die deutschen Kinos kam, spielte fortwährend mit der Möglichkeit, dass Tom die Farm wieder verlässt, und gewann so dessen innerer Zerrissenheit eine enorme, fast an Hitchcock erinnernde Spannung ab. Michael Lethmathe geht in der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks einen anderen Weg. Er gibt Agathe (Regine Andratschke) und Francis (Christoph Rinke) von Anfang an mehr (Spiel)Raum als Dolan. TOM AUF DEM LANDE ist auch ihr Drama, und letztendlich zerreißt es sie ebenso wie ihren von Garry Fischmann gespielten trauernden Besucher.

Nicht nur Bouchards Figuren stecken in kaum aufzulösenden Konflikten, sind also Gefangene ihrer Biographien wie ihrer Herkunft. Auch das Stück selbst pendelt zwischen zwei Extremen, die sich nur schwer vereinbaren lassen. Auf der einen Seite ist TOM AUF DEM LANDE ein klassisches »well-made-play«, das seine Geheimnisse nur nach und nach preisgibt und dabei dezidiert Stellung gegen Homophobie nimmt. Auf der anderen spielt Bouchard mit avantgardistischen Mitteln, die von der akribischen Konstruktion des Stückes ablenken. Mit Toms ständigen Monologen und beiseite gesprochenen Kommentaren erinnert das Drama an modernistische Romane des frühen 20. Jahrhunderts.

Gerade diese Monologe hat Michael Lethmathe geschickt zusammengekürzt. Sie fügen sich nun perfekt in die Dialogszenen ein. Aus dem so entstehenden Gleichgewicht zwischen Toms Innenansichten und der Außenperspektive auf Francis und Agathe erwächst eine psychologische Spannung, die Regine Andratschke, Christoph Rinke und Garry Fischmann durch ihr differenziertes Spiel fortwährend steigern. Nach und nach offenbart sich ein komplexes Netz unterschiedlichster Lebenslügen. Niemand ist hier so, wie er auf den ersten Blick scheint. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Francis’ Homophobie aus der Angst vor seinen Neigungen geboren ist und dass Agathe viel mehr weiß, als ihre Söhne wahrhaben wollten.

kulturkenner.de

Presse

... eine ungebremste Macht der Emotionen ...

 Hörfunkbeitrag von Stefan Keim, WDR 3 Mosaik, 30. Dezember 2016

 

In Michel Marc Bouchards Stück TOM AUF DEM LANDE, das gestern seine deutsche Erstaufführung in Münster hatte, reist der Titelheld in die gar nicht idyllische Provinz, um an der Beerdigung seines überraschend verstorbenen Lebensgefährten teilzunehmen. Hier tritt ihm offene Homophobie in Gestalt des Bruders des Verstorbenen entgegen. Bouchard gelingt es, dieses etwas stereotype Setting in eine emotional hochkomplexe Tragödie zu überführen, die sogar einen überraschenden Schluss bereit hält, in dem mit Blut nicht gegeizt wird (freilich ohne Gefährdung der Abendgarderobe wie ehedem in Thalheimers ORESTIE). Dramatische Handwerkskunst par excellence gepaart mit politischer Positionierung – ein Stück also, das das Zeug hat, in nächster Zeit noch oft nachgespielt zu werden.

Regisseur Michael Letmathe hat sich beeindruckend intensiv auf den Text eingelassen. Es gibt einen einzigen kleinen Scherz am Rande (bei einer Reihe von projizierten Madonnen-Bildern sieht man einmal kurz auch die Sängerin Madonna). Jenseits dessen ist der gesamte Abend auf die verschiedenen Dialoge und die kurzen episierenden Monologe konzentriert, in denen Tom immer wieder seine Situation reflektiert, kommentiert und damit die Handlung durchbricht. Auch verzichtet Letmathe weitgehend auf Reminiszenzen an die so erfolgreiche Verfilmung des Stücks von Xavier Dolan.

Zwar trägt Tom in Münster zu Beginn noch die gleiche schwarze Lederjacke wie im Film. Aber ansonsten findet Christine von Bernstein (Bühne und Kostüme) eine eigene, reduziert-symbolische Bildsprache. Francis etwa, der Bruder des Toten, macht allein schon mit seinem stramm in die Hose gesteckten weißen Polo-Hemd klar, dass er die heteronormative Herrenrasse verkörpert. Die Handlung findet in einem kleinen Haus-Gerüst statt – ohne Wände, jedoch mit Leuchtstoffröhren entlang der Deckenrahmen. Damit eine Ahnung vom Landleben aufkommt, wird zwischendurch eine Schubkarre voll Erdreich entleert. Insgesamt aber ist alles wohltuend spartanisch eingerichtet, so dass die Handlung ganz im Zentrum steht.

Alle vier Schauspieler agieren einfühlend, nie karikierend oder aus der Rolle tretend. Garry Fischmann ist der immer mehr im Landleben aufgehende Tom, Regine Andratschke Agathe, die Mutter des Verstorbenen. Christoph Rinkes Körpersprache zeigt deutlich, wie sehr die Schwulenfeindlichkeit von Francis der eigenen Unsicherheit geschuldet ist, ohne Verständnis für ihn zu heucheln. Selbst Natalja Joselewitsch, die später als Toms Kollegin Sara hinzukommt, um der Mutter vorzugaukeln, sie sei die Freundin des Verstorbenen gewesen, damit Agathe nicht mitbekommt, dass ihr toter Sohn schwul war, legt die Rolle, die deutlich Plattitüden-Potential hat, mit überzeugendem Ernst aus.

Vor allem aber agieren die vier Darsteller im Zusammenspiel überzeugend. Wenn Francis Tom von seinem Abschlussball erzählt und die beiden beginnen, immer leidenschaftlicher miteinander Rumba zu tanzen (Choreographie: Tri Thanh Pham), bringt Letmathe Bouchards Kernanliegen, die fließenden Übergänge zwischen den sexuellen Dispositionen, szenisch wunderbar auf den Punkt.

Kai Bremer, nachtkritik.de, 30. Dezember 2016

 

In Michel Marc Bouchards Kammerspiel »Tom auf dem Lande«, das im U2 des Theaters Münster deutschsprachige Erstaufführung hatte, prallen Welten aufeinander. Tom arbeitet in Montreal in einer Werbeagentur. Als sein Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt, reist er zum Begräbnis in die Provinz, wo er alles andere als freundlich aufgenommen wird. Die Mutter seines Geliebten weiß nichts von dessen Homosexualität, und der Bruder tut alles, damit das auch so bleibt. Notfalls mit Gewalt. Es ist eine Mauer aus Schweigen und Verdrängen, an der sich Tom den Kopf einrennt.

Regisseur Micheal Letmathe setzt das mitunter sehr emotional gestimmte Stück mit minimalistischem Bühnenbild (Christine von Bernstein) in Szene. Außer einem Haufen Erde und einem Eisengestell, das ein Farmhaus andeutet, ist die Bühne leer. Nichts lenkt von dem ab, was verhandelt wird. Und das ist neben der Homophobie der Landbewohner auch die verdrängte Schuld der Mutter, die ahnt, dass sie Fehler gemacht hat, sich das aber nicht eingestehen kann. Regine Andratschke überzeugt hier durch eine fragile Balance zwischen resolutem Auftreten und tief empfundener Trauer um den toten Sohn.

Der Hauptkonflikt spielt sich aber zwischen Tom und Francis ab. Garry Fischmann in der Rolle des schwulen Städters leidet zunächst unter der Situation, in die er unversehens geraten ist, entwickelt dann aber eine irrationale Zuneigung zu seinem Peiniger Francis. Diesem gibt Christoph Rinke anfangs eine etwas eindimensional wirkende Brutalität mit, wird dann aber mit zunehmendem Spiel immer differenzierter, sodass am Ende er die eigentlich tragische Figur ist.

Für eine gewisse Komik in dem ansonsten eher beklemmenden Stück sorgt Natalja Joselewitsch als fingierte Freundin des Toten. Ihr Auftauchen führt zwar zu einer neuerlichen Wende in der fatalen Situation, aber keineswegs zu einer etwaigen Läuterung oder gar zu einem versöhnlichen Ende – was nach dem Vorhergegangenen auch nicht glaubhaft gewesen wäre.

Jana Simon, Westfälische Nachrichten, 31. Dezember 2016

 

Eine fesselnde Studie über Selbstverleugnung und Fanatismus konnte das Publikum am Donnerstag im Theater Münster genießen, als in dessen Spielstätte U2 das Stück TOM AUF DEM LANDE des frankokanadischen Autors Michel Marc Bouchard seine beeindruckende Premiere erlebte. Das konzentrierte Drama in der Regie von Michael Letmathe wurde als deutschsprachige Erstaufführung vorgestellt.

[...] Wie Garry Fischmann als städtischer Hipster und Christoph Rinke als kantig-kolossaler Naturbursche einander unterstützen oder bekämpfen und welche Abgründe der Unterwerfung und Selbstverleugnung sie in sich entdecken müssen, das ist nuancenreiche, kraftvolle und mitreißende Schauspielkunst, die darin gipfelt, dass sie das Äußerste dieser Hölle erschreckend glaubhaft macht: Brutal ausgelebter Hass gegeneinander geht einher mit einer Begierde füreinander. Und solche höchstes Gefühls-Chaos kann nur in eine Katastrophe münden, als Mutter Agathe den offenkundigen Selbstbetrug nicht mehr aufrecht erhalten kann.

Regisseur Letmathe schafft es in dem 90-minütigen Kammerspiel sogar, den Kern, die Angst vor Homosexualität, zu erweitern. Der Zuschauer begreift zunehmend den universellen Gehalt des Stücks. Auch religiöser oder politischer Fanatismus, wenn er die vielfältige Realität des Lebens fürchtet, führt zur Vernichtung dessen, was nicht sein soll.

Alexander Reuter, Die Glocke, 31.12.2016

 

Als Xavier Dolan vor ein paar Jahren TOM AUF DEM LANDE verfilmt hat, wurde aus Michel Marc Bouchards Theaterstück ein klaustrophobischer Psychothriller. Der Film, der unter dem Titel SAG NICHT, WER DU BIST in die deutschen Kinos kam, spielte fortwährend mit der Möglichkeit, dass Tom die Farm wieder verlässt, und gewann so dessen innerer Zerrissenheit eine enorme, fast an Hitchcock erinnernde Spannung ab. Michael Lethmathe geht in der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks einen anderen Weg. Er gibt Agathe (Regine Andratschke) und Francis (Christoph Rinke) von Anfang an mehr (Spiel)Raum als Dolan. TOM AUF DEM LANDE ist auch ihr Drama, und letztendlich zerreißt es sie ebenso wie ihren von Garry Fischmann gespielten trauernden Besucher.

Nicht nur Bouchards Figuren stecken in kaum aufzulösenden Konflikten, sind also Gefangene ihrer Biographien wie ihrer Herkunft. Auch das Stück selbst pendelt zwischen zwei Extremen, die sich nur schwer vereinbaren lassen. Auf der einen Seite ist TOM AUF DEM LANDE ein klassisches »well-made-play«, das seine Geheimnisse nur nach und nach preisgibt und dabei dezidiert Stellung gegen Homophobie nimmt. Auf der anderen spielt Bouchard mit avantgardistischen Mitteln, die von der akribischen Konstruktion des Stückes ablenken. Mit Toms ständigen Monologen und beiseite gesprochenen Kommentaren erinnert das Drama an modernistische Romane des frühen 20. Jahrhunderts.

Gerade diese Monologe hat Michael Lethmathe geschickt zusammengekürzt. Sie fügen sich nun perfekt in die Dialogszenen ein. Aus dem so entstehenden Gleichgewicht zwischen Toms Innenansichten und der Außenperspektive auf Francis und Agathe erwächst eine psychologische Spannung, die Regine Andratschke, Christoph Rinke und Garry Fischmann durch ihr differenziertes Spiel fortwährend steigern. Nach und nach offenbart sich ein komplexes Netz unterschiedlichster Lebenslügen. Niemand ist hier so, wie er auf den ersten Blick scheint. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Francis’ Homophobie aus der Angst vor seinen Neigungen geboren ist und dass Agathe viel mehr weiß, als ihre Söhne wahrhaben wollten.

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