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MARTINUS LUTHER

ANFANG UND ENDE EINES MYTHOS' von John von Düffel

Uraufführung
  • Daniel Rothaug, Ulrike Knobloch <br />© Oliver Berg
    Daniel Rothaug, Ulrike Knobloch
    © Oliver Berg
  • Gerhard Mohr, Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Gerhard Mohr, Daniel Rothaug
    © Oliver Berg
  • Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug
    © Oliver Berg
  • Daniel Rothaug, Ulrike Knobloch <br />© Oliver Berg
    Daniel Rothaug, Ulrike Knobloch
    © Oliver Berg
  • Daniel Rothaug, Ulrike Knobloch <br />© Oliver Berg
    Daniel Rothaug, Ulrike Knobloch
    © Oliver Berg
  • Ulrike Knobloch, Chor <br />© Oliver Berg
    Ulrike Knobloch, Chor
    © Oliver Berg
  • Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Daniel Rothaug
    © Oliver Berg
  • Gerhard Mohr, Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Gerhard Mohr, Daniel Rothaug
    © Oliver Berg
  • Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug
    © Oliver Berg
  • Gerhard Mohr, Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Gerhard Mohr, Daniel Rothaug
    © Oliver Berg
  • Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr, Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr, Daniel Rothaug
    © Oliver Berg
  • Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr, Daniel Rothaug <br />© Oliver Berg
    Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr, Daniel Rothaug
    © Oliver Berg

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Weitere Termine

Weitere Termine sind in Planung und werden demnächst veröffentlicht.

Vor 500 Jahren forderte der ehemalige Bettelmönch Martinus den Papst und damit eine der mächtigsten Figuren seiner Zeit heraus: Er stellte die unbestrittene Macht der Kirche, lang tradierte Glaubenssätze und die Moral der päpstlichen Obrigkeit radikal in Frage – ein Ereignis, das als Reformation, als Umsturz religiöser und politischer Systeme in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Doch wer war dieser Martin Luther, der einen gnädigen Gott predigte, den Ablass abschaffte, die Bibel neu übersetzte, dabei antisemitische Thesen vertrat und sich gegen die Demokratisierung stellte?

In seinem furiosen Stück MARTINUS LUTHER zeichnet John von Düffel ein komplexes und überraschendes Bild einer zum nationalen Mythos verklärten Figur: Vom jungen Zweifler, der in wildem Zorn und nach einem Erweckungserlebnis mit sich, Gott und seinem Vater hadert, wird Luther zum kämpferischen Revolutionär und schließlich zum verbitterten, machtversessenen alten Mann. Ein ehrlich um den Glauben ringender Junge entwickelt sich zum intoleranten Hassprediger. Die faszinierende Lebensgeschichte Martin Luthers erzählt von einer Radikalisierung im Namen des Glaubens und lässt so unweigerlich an die religiösen Fanatiker unserer Tage denken.

Als Auftakt zum Reformationsjahr zeigt das Theater Münster die Uraufführung dieses sehr persönlichen Blicks auf den großen Reformator.

Aufführungsdauer ca. 160 Minuten, eine Pause

Info

Vor 500 Jahren forderte der ehemalige Bettelmönch Martinus den Papst und damit eine der mächtigsten Figuren seiner Zeit heraus: Er stellte die unbestrittene Macht der Kirche, lang tradierte Glaubenssätze und die Moral der päpstlichen Obrigkeit radikal in Frage – ein Ereignis, das als Reformation, als Umsturz religiöser und politischer Systeme in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Doch wer war dieser Martin Luther, der einen gnädigen Gott predigte, den Ablass abschaffte, die Bibel neu übersetzte, dabei antisemitische Thesen vertrat und sich gegen die Demokratisierung stellte?

In seinem furiosen Stück MARTINUS LUTHER zeichnet John von Düffel ein komplexes und überraschendes Bild einer zum nationalen Mythos verklärten Figur: Vom jungen Zweifler, der in wildem Zorn und nach einem Erweckungserlebnis mit sich, Gott und seinem Vater hadert, wird Luther zum kämpferischen Revolutionär und schließlich zum verbitterten, machtversessenen alten Mann. Ein ehrlich um den Glauben ringender Junge entwickelt sich zum intoleranten Hassprediger. Die faszinierende Lebensgeschichte Martin Luthers erzählt von einer Radikalisierung im Namen des Glaubens und lässt so unweigerlich an die religiösen Fanatiker unserer Tage denken.

Als Auftakt zum Reformationsjahr zeigt das Theater Münster die Uraufführung dieses sehr persönlichen Blicks auf den großen Reformator.

Aufführungsdauer ca. 160 Minuten, eine Pause

Leitung

Inszenierung Max Claessen

Bühne & Kostüme Mirjam Benkner

Sound & Musikalische Einstudierung Michael Barfuß

Chorleitung Jurij Berges-Maas

Dramaturgie Michael Letmathe


Besetzung

Hans Luder / von Staupitz / Der alte Martin Luther Gerhard Mohr

Der junge Martin Luther / Ein Student Daniel Rothaug

Die Frau / Teufelin / Tetzel / Katharina von Bora Ulrike Knobloch

Besetzung

Leitung

Inszenierung Max Claessen

Bühne & Kostüme Mirjam Benkner

Sound & Musikalische Einstudierung Michael Barfuß

Chorleitung Jurij Berges-Maas

Dramaturgie Michael Letmathe


Besetzung

Hans Luder / von Staupitz / Der alte Martin Luther Gerhard Mohr

Der junge Martin Luther / Ein Student Daniel Rothaug

Die Frau / Teufelin / Tetzel / Katharina von Bora Ulrike Knobloch


[...] Geschickt hat von Düffel einen minder populären Ansatz gewählt und erzählt von Luther auf der Bühne einerseits vor und andererseits nach dem historischen Fortschritt der Reformation.

Der Untertitel lässt das ahnen: »Anfang und Ende eines Mythos'«, der Reformator, wie ihn von Düffel zeigt, ist noch nicht ganz Luther im ersten Teil und schon nicht mehr recht Luther im zweiten. Im Gewitter von Stotternheim bei Erfurt Anfang Juli 1505 beginnt die Fabel – fast vom Blitz getroffen (wie der einsame Baumstamm, den Mirjam Benkner auf die Bühne gestellt hat), legt ein 22jähriger Mann, angehender Jura-Student und mit solider frühbürgerlicher Karriere vor Augen, das Mönchs-Gelübde ab und sagt sich los vom Leben, wie es war, um von nun an nur noch dem Glauben zu dienen. [...]  95 Thesen gegen den kirchlich sanktionierten Ablasshandel (Geld gegen Sünde) hämmert Luther an die örtliche Schlosskirche; und in Max Claessens Inszenierung greift der junge Mann sogar zum Vorschlaghammer und zertrümmert ein kleines weißes Kirchen-Modell aus Gips.

Pause. Claessen hat die Episoden des ersten Teils von Chor-Gesängen unterbrechen lassen, deren wohlvertraute Texte (»Aus tiefer Not schrei ich zu Dir«) den Gang der Entwicklung begleiten. Auf Daniel Rothaug als jungen Luther, zunächst und im Gewitter nur mit Kittel-Schurz bekleidet und nach der Aufnahme bei den Augustinern mit der Mönchskutte, strömen Figuren zu aus dem Hintergrund: Gerhard Mohr als Vater Hans und klösterlicher Förderer Johann von Staupitz, Ulrike Knobloch in vielerlei Gestalt, von der versprochenen Braut bis zum Ablasshändler Tetzel, dessen Sünden-Geschacher (hier wie in einer Fernseh-Mitmachshow) der vordergründige Anlass für Luthers Wittenberger Thesen ist. Die Schauspielerin hinkt jeweils teuflisch, singt darüber hinaus höllisch gut (nur »Sympathy for the devil« fehlt) und bekommt per Mikroport gelegentlich auch die passend infernalische Stimme verpasst.

Teil zwei kommt ganz anders daher; auf die Episoden zu Beginn folgt nun als durchgehende Szene eine Art lutherdeutsches Abendmahl. Sehr alt geworden und mit sehr langem Zausel-Haar seitlich der Tonsur, hockt der Patriarch in einem Zimmerchen am Tisch; Frau Luther, Katharina von Bora also, hackt Holz vor der Tür. [...] Dazu singt der Chor übrigens jetzt Lieder aus zeitgenössisch-christlichen Singe-Bewegungen und die Ironie nimmt damit stark zu in Claessens Inszenierung. Aber auch von Düffels Text schnurrt in diesem zweiten Teil irgendwie zusammen auf Satire-Format. Mit der Offenlegung der finalen Verirrung und Verwirrung des ehedem so großen Geistes tut sich das Stück merklich schwerer als mit der feuerköpfig-himmelsstürmerischen Eröffnung. Und auch das Ensemble-Trio überzeugt im fliegenden Rollenwechsel des Beginns deutlicher als am deutschen Mittagstisch. Aber Claessens Team hat sich wirklich viel vorgenommen: mit dem Drei-Personen-Ensemble, mit den Chören; und dies ist darum ein sehr annehmbarer Start für ein Stück, das noch auf weiteren Stationen überprüft werden dürfte.

Michael Laages, nachtkritik.de, 26. September 2016

 

Nebel und Dunst wabern wie Reste mittelalterlichen Denkens über die Bühne, in deren Mitte ein Baumstamm steht – wie ein Bindeglied zwischen Himmel und Erde. Als ein heftiges Gewitter bei Stotternheim niedergeht, ist es um den jungen Martin Luther geschehen. Vor Angst gepeinigt, verspricht er, sein Leben Gott zu weihen. Es ist ein temperamentvoller, von Zwängen und Schuldgefühlen gepeinigter junger Mann, den John von Düffel in der ersten Halbzeit seines am Sonntagabend in Anwesenheit des Autors im Kleinen Haus uraufgeführten Stückes »Martinus Luther« vor Augen führt, ein Trotzkopf und Schreier. Um so seltsamer der Kontrast zum zweiten Teil des Abends, in dem uns Luther als alter, frustrierter und hetzender Sprücheklopfer in der Küche des Spießbürgers entgegentritt. Münsters Premierenpublikum nimmt diese Düffel-Collage jubelnd entgegen. [...]

Regisseur Max Claessen setzt Düffels 140-Minuten-Stück [...] als das Psychogramm eines Einzelkämpfers um. Daniel Rothaug spielt effektvoll einen von Schuldgefühlen, Trieb und Sündenangst gepeinigten Jungen, den nächtliche »Pollutionen« ängstigen und Dämonen in Frauengestalt erschrecken. [...] Die eingestreuten Choräle – »Aus tiefer Not schrei ich zu Dir« ist ein Liedtext aus Luthers Feder – des vortrefflichen Chores bilden den spirituellen Hintergrund des Geschehens.

Ernsthaft und anrührend sind die Gespräche zwischen dem jungen Luther und seinem kernigen, bäuerlichen Vater (Gerhard Mohr), der von »Pfaffen« und ihren Spinnereien nicht viel hält und seinen Sohn lieber als tüchtigen Juristen sähe. Hier wird etwas vom familiären Kampf des jungen Luthers sichtbar, der sich auflehnen muss. Erst gegen den Vater, dann gegen Kirche und Papst. »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« Diese Kernfrage des Grüblers, Skrupulanten und Zweiflers Luther kommen in den Gesprächen mit seinem Ordensoberen Johann von Staupitz wiederum gut zur Geltung. [...] Ein nur angedeuteter Thesenanschlag, der lang zitierte Brief Luthers an den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg gegen den Ablassskandal und das Zertrümmern einer kleinen Modellkirche wiederum bieten den starken Schluss des ersten Teils.

So mancher wackere Protestant wird im zweiten Teil schlucken müssen. Denn hier sieht er einen Luther, den der prächtig agierende Gerhard Mohr nun als frustrierten alten Sack, am Küchentisch mit seiner Frau Katharina von Bora sitzend, spielt. Erst legt er den Kopf auf den Tisch, dann breitet er vor Pius, einem studentischen Freier, seine Weltsicht aus: seine Trotz-Motivation gegen Vater und Papst, seine Hetze und Hasslehren gegen Juden und »Türken«.

Die nur drei Akteure auf der Bühne, Ulrike Knobloch agiert neben Luthers Frau unter anderem noch als Ablassprediger Tetzel und als Teufel, agieren stark und schultern eine Menge Text.

Johannes Loy, Westfälische Nachrichten, 27. September 2016

 

Dass das mehr als zwei Stunden lange Stück kurzweilig, gelegentlich sogar witzig und unterhaltsam ist, trotz des mächtigen Stoffes, das auf ihm ruht, liegt sicherlich auch an der mal angespannten dann wieder angenehmen entspannten Inszenierung von Regisseur Max Claessen. Und natürlich an einem hervorragend besetzten Schauspiel-Trio bestehend aus Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr und Daniel Rothaug, die gleich in mehreren Rollen glänzen dürfen. Ulrike Knobloch gleich in vieren, sie kann zudem noch mit ihren bravourösen Gesangseinlagen wie bei »Come on baby light my fire« von den Doors und »A change is gonna come« von Sam Cooke beim Publikum punkten. Und es ist auch immer wieder Musik die dem bisweilen textlastigen und weihrauchgeschwängerten Stück Leben einhaucht, und Licht ind die Düsternis bringt, zum Beispiel wenn der von Juri G. Maas geleitete Chor klassische (Bach-) Choräle oder im zweiten Teil Sacro-Pop besteuert. Das Publikum honorierte die engagierte Vorstellung mit [...] lang anhaltendem Applaus. Die Diskussion um den facettenreichen Mythos Martin Luther mit all seinen Ecken und Kanten für das kommende Reformationsjahr ist auch in Münster eröffnet.

Frank Biermann, Münstersche Volkszeitung, 26. September 2016

 

Max Claessen inszeniert die Uraufführung des provokanten Stücks mit bombastischer Dramatik. Martin [Daniel Rothaug] schleudert sich dem machtvoll erscheinenden Vater (Gerhard Mohr) vor die Füße, wirft verzweifelt das Schreibpult um, stößt die ihn umgarnende Frau (Ulrike Knobloch) von sich und entblößt den Hintern. Doch mit seinem Trotz kommt er nicht überall durch. Geschlagen und vergewaltigt stopft man ihm zuletzt noch das Symbol der Sünde, den roten Apfel, in den Hals. Dazu gibt der in Kutten gehüllte Chor (Leitung Jurij G. Berges-Maas) düster-drohende Kirchenchoräle.

Das ist roh und eindringlich, und so kommt Johann Tetzel (Ulrike Knobloch) als aufgekratzter Entertainer gerade recht, um das Publikum aus der Schockstarre zu holen. Mit dem Klingelbeutel tingelt er durch die Saalreihen. Wetten, dass Sie sich besser fühlen, wenn Sie spenden? Und inzwischen hat sich auch Luther gefangen. Er widmet sich dem Schreiben, die Seelenqualen scheinen überwunden.

Nach der Pause steht auf der Bühne (Gestaltung Mirjam Benkner) eine enge Holzstube. Katharina von Bora (wieder Ulrike Knobloch) hackt Holz. Ihr Mann (Gerhard Mohr) ist zum langhaarigen Säufer geworden, der in Feinrippunterhemd und Pantoffeln neben Fürzen wirre Hasstiraden von sich gibt. Der Student Pius (Daniel Rothaug) kommt auf dem Fahrrad, um um die Hand der Tochter anzuhalten. Als Halbjude sind seine Chancen denkbar schlecht.

Nun in die kleinbürgerliche Gegenwart versetzt, wandelt sich das Stück fast zur Boulevard-Komödie. Die jetzt deutschsprachigen Kirchenlieder klingen wie Hohn und man schwankt zwischen Ekel und Lachen, etwa wenn der senile Luther den jungen Mann auffordert, mit ihm zu »saufen wie ein Deutscher«. Wenn er über Juden und Türken wettert, während Katharina ihm Pillen rüber schiebt und die Bierdosen nicht herausrücken will. Luthers Demontage ist eindrucksvoll vollendet, als man ihm ein Schild mit »Warum rülpset und furzet ihr nicht?« über den Wanst hängt und ihn von der Bühne in den Himmel bugsiert. Das Premierenpublikum ist begeistert.

Marion Gay, Westfälischer Anzeiger, 28. September 2016

 

Von Düffel breitet zwei Lebensabschnitte Martin Luthers aus. Im ersten Teil werden wie in einem Bilderbogen Stationen des jungen Luthers bis hin zum Anschlag der Thesen ausgebreitet – sein Saulus/Paulus-Erlebnis im Gewitter, die Auseinandersetzung mit dem Vater, Anfechtungen und Diskussionen mit seinem Mentor. Das könnte alles etwas von einer glorifizierenden Heiligen-Vita aus der » legenda aurea« haben, erdete von Düffel alle Szenen nicht mittels des einprägsamen thüringischen Zungenschlags, der harte Konsonanten so wunderbar weichspült. Regisseur Max Claessen tut das Seine dazu, indem er alle Widerparte Luthers von der wunderbaren Ulrike Knobloch spielen und singen lässt. Sie ist der Teufel in Gestalt der trachtengewandeten Braut genauso wie der Ablassprediger Johann Tetzel, der als Pastor einer fundamentalistisch-evangelikalen Gemeinde daher kommt. Daniel Rothaug stattet den jungen Luther, seine Versuchungen wie seine Standhaftigkeit mit einer bisweilen penetranten Exaltiertheit aus, die den Fanatismus des alten schon erahnen lassen.

Punkten kann das Regieteam mit der Einführung eines Chores, der die Szenen mit Liedern aus dem evangelischen Gesangbuch teilt, kommentiert und untermalt. Das gibt Ruhe und Struktur. Dennoch: ungleich lebendiger wirkt der zweite Teil, in dem der sehr authentische Gerhard Mohr, frisst, säuft und selbstgefällig Hasstiraden hinausposaunt. Vielleicht weil von Düffel Luther einen jungen Studenten (überflüssigerweise mit einem katholisch-jüdischen Hintergrund ausgestattet) gegenüberstellt, der immer verschüchterter schließlich die Flucht ergreift. Zuletzt fährt Luther – untermalt von Dietrich Bonhoeffers »Von guten Mächten wunderbar geborgen« – zu seinem Gott.

Martinus Luther ist eine Szenenfolge aus Luthers Leben, die sattsam Bekanntes farbig aufbereitet – getragen von einem klaren Regiekonzept und tollen Schauspielern. Ein gelungener Appetizer für’s Luther-Jahr, den das Publikum mit ganz viel Applaus honorierte.

Thomas Hilgemeier, theaterpur.net, 28. September 2016

Presse

[...] Geschickt hat von Düffel einen minder populären Ansatz gewählt und erzählt von Luther auf der Bühne einerseits vor und andererseits nach dem historischen Fortschritt der Reformation.

Der Untertitel lässt das ahnen: »Anfang und Ende eines Mythos'«, der Reformator, wie ihn von Düffel zeigt, ist noch nicht ganz Luther im ersten Teil und schon nicht mehr recht Luther im zweiten. Im Gewitter von Stotternheim bei Erfurt Anfang Juli 1505 beginnt die Fabel – fast vom Blitz getroffen (wie der einsame Baumstamm, den Mirjam Benkner auf die Bühne gestellt hat), legt ein 22jähriger Mann, angehender Jura-Student und mit solider frühbürgerlicher Karriere vor Augen, das Mönchs-Gelübde ab und sagt sich los vom Leben, wie es war, um von nun an nur noch dem Glauben zu dienen. [...]  95 Thesen gegen den kirchlich sanktionierten Ablasshandel (Geld gegen Sünde) hämmert Luther an die örtliche Schlosskirche; und in Max Claessens Inszenierung greift der junge Mann sogar zum Vorschlaghammer und zertrümmert ein kleines weißes Kirchen-Modell aus Gips.

Pause. Claessen hat die Episoden des ersten Teils von Chor-Gesängen unterbrechen lassen, deren wohlvertraute Texte (»Aus tiefer Not schrei ich zu Dir«) den Gang der Entwicklung begleiten. Auf Daniel Rothaug als jungen Luther, zunächst und im Gewitter nur mit Kittel-Schurz bekleidet und nach der Aufnahme bei den Augustinern mit der Mönchskutte, strömen Figuren zu aus dem Hintergrund: Gerhard Mohr als Vater Hans und klösterlicher Förderer Johann von Staupitz, Ulrike Knobloch in vielerlei Gestalt, von der versprochenen Braut bis zum Ablasshändler Tetzel, dessen Sünden-Geschacher (hier wie in einer Fernseh-Mitmachshow) der vordergründige Anlass für Luthers Wittenberger Thesen ist. Die Schauspielerin hinkt jeweils teuflisch, singt darüber hinaus höllisch gut (nur »Sympathy for the devil« fehlt) und bekommt per Mikroport gelegentlich auch die passend infernalische Stimme verpasst.

Teil zwei kommt ganz anders daher; auf die Episoden zu Beginn folgt nun als durchgehende Szene eine Art lutherdeutsches Abendmahl. Sehr alt geworden und mit sehr langem Zausel-Haar seitlich der Tonsur, hockt der Patriarch in einem Zimmerchen am Tisch; Frau Luther, Katharina von Bora also, hackt Holz vor der Tür. [...] Dazu singt der Chor übrigens jetzt Lieder aus zeitgenössisch-christlichen Singe-Bewegungen und die Ironie nimmt damit stark zu in Claessens Inszenierung. Aber auch von Düffels Text schnurrt in diesem zweiten Teil irgendwie zusammen auf Satire-Format. Mit der Offenlegung der finalen Verirrung und Verwirrung des ehedem so großen Geistes tut sich das Stück merklich schwerer als mit der feuerköpfig-himmelsstürmerischen Eröffnung. Und auch das Ensemble-Trio überzeugt im fliegenden Rollenwechsel des Beginns deutlicher als am deutschen Mittagstisch. Aber Claessens Team hat sich wirklich viel vorgenommen: mit dem Drei-Personen-Ensemble, mit den Chören; und dies ist darum ein sehr annehmbarer Start für ein Stück, das noch auf weiteren Stationen überprüft werden dürfte.

Michael Laages, nachtkritik.de, 26. September 2016

 

Nebel und Dunst wabern wie Reste mittelalterlichen Denkens über die Bühne, in deren Mitte ein Baumstamm steht – wie ein Bindeglied zwischen Himmel und Erde. Als ein heftiges Gewitter bei Stotternheim niedergeht, ist es um den jungen Martin Luther geschehen. Vor Angst gepeinigt, verspricht er, sein Leben Gott zu weihen. Es ist ein temperamentvoller, von Zwängen und Schuldgefühlen gepeinigter junger Mann, den John von Düffel in der ersten Halbzeit seines am Sonntagabend in Anwesenheit des Autors im Kleinen Haus uraufgeführten Stückes »Martinus Luther« vor Augen führt, ein Trotzkopf und Schreier. Um so seltsamer der Kontrast zum zweiten Teil des Abends, in dem uns Luther als alter, frustrierter und hetzender Sprücheklopfer in der Küche des Spießbürgers entgegentritt. Münsters Premierenpublikum nimmt diese Düffel-Collage jubelnd entgegen. [...]

Regisseur Max Claessen setzt Düffels 140-Minuten-Stück [...] als das Psychogramm eines Einzelkämpfers um. Daniel Rothaug spielt effektvoll einen von Schuldgefühlen, Trieb und Sündenangst gepeinigten Jungen, den nächtliche »Pollutionen« ängstigen und Dämonen in Frauengestalt erschrecken. [...] Die eingestreuten Choräle – »Aus tiefer Not schrei ich zu Dir« ist ein Liedtext aus Luthers Feder – des vortrefflichen Chores bilden den spirituellen Hintergrund des Geschehens.

Ernsthaft und anrührend sind die Gespräche zwischen dem jungen Luther und seinem kernigen, bäuerlichen Vater (Gerhard Mohr), der von »Pfaffen« und ihren Spinnereien nicht viel hält und seinen Sohn lieber als tüchtigen Juristen sähe. Hier wird etwas vom familiären Kampf des jungen Luthers sichtbar, der sich auflehnen muss. Erst gegen den Vater, dann gegen Kirche und Papst. »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« Diese Kernfrage des Grüblers, Skrupulanten und Zweiflers Luther kommen in den Gesprächen mit seinem Ordensoberen Johann von Staupitz wiederum gut zur Geltung. [...] Ein nur angedeuteter Thesenanschlag, der lang zitierte Brief Luthers an den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg gegen den Ablassskandal und das Zertrümmern einer kleinen Modellkirche wiederum bieten den starken Schluss des ersten Teils.

So mancher wackere Protestant wird im zweiten Teil schlucken müssen. Denn hier sieht er einen Luther, den der prächtig agierende Gerhard Mohr nun als frustrierten alten Sack, am Küchentisch mit seiner Frau Katharina von Bora sitzend, spielt. Erst legt er den Kopf auf den Tisch, dann breitet er vor Pius, einem studentischen Freier, seine Weltsicht aus: seine Trotz-Motivation gegen Vater und Papst, seine Hetze und Hasslehren gegen Juden und »Türken«.

Die nur drei Akteure auf der Bühne, Ulrike Knobloch agiert neben Luthers Frau unter anderem noch als Ablassprediger Tetzel und als Teufel, agieren stark und schultern eine Menge Text.

Johannes Loy, Westfälische Nachrichten, 27. September 2016

 

Dass das mehr als zwei Stunden lange Stück kurzweilig, gelegentlich sogar witzig und unterhaltsam ist, trotz des mächtigen Stoffes, das auf ihm ruht, liegt sicherlich auch an der mal angespannten dann wieder angenehmen entspannten Inszenierung von Regisseur Max Claessen. Und natürlich an einem hervorragend besetzten Schauspiel-Trio bestehend aus Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr und Daniel Rothaug, die gleich in mehreren Rollen glänzen dürfen. Ulrike Knobloch gleich in vieren, sie kann zudem noch mit ihren bravourösen Gesangseinlagen wie bei »Come on baby light my fire« von den Doors und »A change is gonna come« von Sam Cooke beim Publikum punkten. Und es ist auch immer wieder Musik die dem bisweilen textlastigen und weihrauchgeschwängerten Stück Leben einhaucht, und Licht ind die Düsternis bringt, zum Beispiel wenn der von Juri G. Maas geleitete Chor klassische (Bach-) Choräle oder im zweiten Teil Sacro-Pop besteuert. Das Publikum honorierte die engagierte Vorstellung mit [...] lang anhaltendem Applaus. Die Diskussion um den facettenreichen Mythos Martin Luther mit all seinen Ecken und Kanten für das kommende Reformationsjahr ist auch in Münster eröffnet.

Frank Biermann, Münstersche Volkszeitung, 26. September 2016

 

Max Claessen inszeniert die Uraufführung des provokanten Stücks mit bombastischer Dramatik. Martin [Daniel Rothaug] schleudert sich dem machtvoll erscheinenden Vater (Gerhard Mohr) vor die Füße, wirft verzweifelt das Schreibpult um, stößt die ihn umgarnende Frau (Ulrike Knobloch) von sich und entblößt den Hintern. Doch mit seinem Trotz kommt er nicht überall durch. Geschlagen und vergewaltigt stopft man ihm zuletzt noch das Symbol der Sünde, den roten Apfel, in den Hals. Dazu gibt der in Kutten gehüllte Chor (Leitung Jurij G. Berges-Maas) düster-drohende Kirchenchoräle.

Das ist roh und eindringlich, und so kommt Johann Tetzel (Ulrike Knobloch) als aufgekratzter Entertainer gerade recht, um das Publikum aus der Schockstarre zu holen. Mit dem Klingelbeutel tingelt er durch die Saalreihen. Wetten, dass Sie sich besser fühlen, wenn Sie spenden? Und inzwischen hat sich auch Luther gefangen. Er widmet sich dem Schreiben, die Seelenqualen scheinen überwunden.

Nach der Pause steht auf der Bühne (Gestaltung Mirjam Benkner) eine enge Holzstube. Katharina von Bora (wieder Ulrike Knobloch) hackt Holz. Ihr Mann (Gerhard Mohr) ist zum langhaarigen Säufer geworden, der in Feinrippunterhemd und Pantoffeln neben Fürzen wirre Hasstiraden von sich gibt. Der Student Pius (Daniel Rothaug) kommt auf dem Fahrrad, um um die Hand der Tochter anzuhalten. Als Halbjude sind seine Chancen denkbar schlecht.

Nun in die kleinbürgerliche Gegenwart versetzt, wandelt sich das Stück fast zur Boulevard-Komödie. Die jetzt deutschsprachigen Kirchenlieder klingen wie Hohn und man schwankt zwischen Ekel und Lachen, etwa wenn der senile Luther den jungen Mann auffordert, mit ihm zu »saufen wie ein Deutscher«. Wenn er über Juden und Türken wettert, während Katharina ihm Pillen rüber schiebt und die Bierdosen nicht herausrücken will. Luthers Demontage ist eindrucksvoll vollendet, als man ihm ein Schild mit »Warum rülpset und furzet ihr nicht?« über den Wanst hängt und ihn von der Bühne in den Himmel bugsiert. Das Premierenpublikum ist begeistert.

Marion Gay, Westfälischer Anzeiger, 28. September 2016

 

Von Düffel breitet zwei Lebensabschnitte Martin Luthers aus. Im ersten Teil werden wie in einem Bilderbogen Stationen des jungen Luthers bis hin zum Anschlag der Thesen ausgebreitet – sein Saulus/Paulus-Erlebnis im Gewitter, die Auseinandersetzung mit dem Vater, Anfechtungen und Diskussionen mit seinem Mentor. Das könnte alles etwas von einer glorifizierenden Heiligen-Vita aus der » legenda aurea« haben, erdete von Düffel alle Szenen nicht mittels des einprägsamen thüringischen Zungenschlags, der harte Konsonanten so wunderbar weichspült. Regisseur Max Claessen tut das Seine dazu, indem er alle Widerparte Luthers von der wunderbaren Ulrike Knobloch spielen und singen lässt. Sie ist der Teufel in Gestalt der trachtengewandeten Braut genauso wie der Ablassprediger Johann Tetzel, der als Pastor einer fundamentalistisch-evangelikalen Gemeinde daher kommt. Daniel Rothaug stattet den jungen Luther, seine Versuchungen wie seine Standhaftigkeit mit einer bisweilen penetranten Exaltiertheit aus, die den Fanatismus des alten schon erahnen lassen.

Punkten kann das Regieteam mit der Einführung eines Chores, der die Szenen mit Liedern aus dem evangelischen Gesangbuch teilt, kommentiert und untermalt. Das gibt Ruhe und Struktur. Dennoch: ungleich lebendiger wirkt der zweite Teil, in dem der sehr authentische Gerhard Mohr, frisst, säuft und selbstgefällig Hasstiraden hinausposaunt. Vielleicht weil von Düffel Luther einen jungen Studenten (überflüssigerweise mit einem katholisch-jüdischen Hintergrund ausgestattet) gegenüberstellt, der immer verschüchterter schließlich die Flucht ergreift. Zuletzt fährt Luther – untermalt von Dietrich Bonhoeffers »Von guten Mächten wunderbar geborgen« – zu seinem Gott.

Martinus Luther ist eine Szenenfolge aus Luthers Leben, die sattsam Bekanntes farbig aufbereitet – getragen von einem klaren Regiekonzept und tollen Schauspielern. Ein gelungener Appetizer für’s Luther-Jahr, den das Publikum mit ganz viel Applaus honorierte.

Thomas Hilgemeier, theaterpur.net, 28. September 2016

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