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LA RÉVOLUTION #1 – WIR SCHAFFEN DAS SCHON

(ÇA IRA (1) FIN DE LOUIS) von Joël Pommerat

Gekürzte Fassung des Theaters Münster
Deutsche Übersetzung von Isabelle Rivoal
  • Ensemble <br />© Oliver Berg
    Ensemble
    © Oliver Berg
  • Regine Andratschke, Hubertus Hartmann, Carola von Seckendorff <br />© Oliver Berg
    Regine Andratschke, Hubertus Hartmann, Carola von Seckendorff
    © Oliver Berg
  • Hubertus Hartmann (vorne), Ensemble <br />© Oliver Berg
    Hubertus Hartmann (vorne), Ensemble
    © Oliver Berg
  • Regine Andratschke, Hubertus Hartmann <br />© Oliver Berg
    Regine Andratschke, Hubertus Hartmann
    © Oliver Berg
  • Ensemble, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Ensemble, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Ulrike Knobloch, Frank-Peter Dettmann, Maike Jüttendonk, Christian Bo Salle <br />© Oliver Berg
    Ulrike Knobloch, Frank-Peter Dettmann, Maike Jüttendonk, Christian Bo Salle
    © Oliver Berg
  • Christian Bo Salle, Bálinth Tóth, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Christian Bo Salle, Bálinth Tóth, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Hubertus Hartmann, Ilja Harjes <br />© Oliver Berg
    Hubertus Hartmann, Ilja Harjes
    © Oliver Berg
  • Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle <br />© Oliver Berg
    Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle
    © Oliver Berg
  • Carola von Seckendorff, Andrea Spicher, Daniel Rothaug, Maike Jüttendonk <br />© Oliver Berg
    Carola von Seckendorff, Andrea Spicher, Daniel Rothaug, Maike Jüttendonk
    © Oliver Berg
  • Frank-Peter Dettmann, Ulrike Knobloch, Andrea Spicher, Maike Jüttendonk <br />© Oliver Berg
    Frank-Peter Dettmann, Ulrike Knobloch, Andrea Spicher, Maike Jüttendonk
    © Oliver Berg
  • Hubertus Hartmann, Daniel Rothaug, Andrea Spicher, Ulrike Knobloch, Maike Jüttendonk, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Hubertus Hartmann, Daniel Rothaug, Andrea Spicher, Ulrike Knobloch, Maike Jüttendonk, Statisterie
    © Oliver Berg

Revolution ist der Krieg der Freiheit gegen ihre Feinde.

Sa, 29. April 2017
19.00 Uhr · Großes Haus
Samstag Abo Gr. Haus

18.30 Einführung im Foyer Gr. Haus

Wir schreiben das Jahr 1788. Frankreich steht kurz vor der Katastrophe. Es droht der Staatsbankrott und im Volk gärt es gewaltig. Eine Kommission soll einen Reformplan aufstellen, doch der Versuch, das alte System zu retten, scheitert, und der König wird Zeuge, wie Volksvertreter die Macht übernehmen. Eine Nationalversammlung wird einberufen und die Revolution kommt ins Rollen. Es ist die Stunde Null der modernen Demokratie.

Joël Pommerat macht in seinem neuesten Stück das Theater zum politischen Forum, den Zuschauerraum zur Nationalversammlung, in der die explosiven Debatten über die Konstitution einer neuen Staatsform ausgehandelt werden. Es ist ein Blick in die Geschichte der Französischen Revolution von atemberaubender Lebendigkeit und Aktualität. Pommerats Politiker sprechen die Sprache von heute, tragen moderne Kostüme und haben heutige Namen, doch man erkennt in ihnen bekannte Figuren der Französischen Revolution. ÇA IRA, so der Originaltitel, ist in Frankreich das Stück der Stunde. Vor dem Hintergrund von islamistischem Terror und zunehmendem Rechtspopulismus in ganz Europa ist es ein gewichtiges Statement und ein theatrales Ereignis, das uns zeigt, wie schwer es war, unsere Freiheit zu gewinnen. Ein Glücksmoment für das Theater der Gegenwart.

Joël Pommerat, zweifacher Molière-Preisträger, ist seit Jahren der wichtigste und international erfolgreichste lebende Dramatiker Frankreichs. Erst seit Kurzem beginnen sich seine Stücke auch in Deutschland durchzusetzen. ÇA IRA wird in der Spielzeit 2016/17 an mehreren deutschen Theatern nachgespielt.

Wir danken der Gesellschaft der Musik- und Theaterfreunde e.V., ohne deren Unterstützung das aufwendige Bühnenbild von LA RÉVOLUTION – WIR SCHAFFEN DAS SCHON nicht möglich gewesen wäre.

Aufführungsdauer ca. 200 Minuten, eine Pause

Info

Wir schreiben das Jahr 1788. Frankreich steht kurz vor der Katastrophe. Es droht der Staatsbankrott und im Volk gärt es gewaltig. Eine Kommission soll einen Reformplan aufstellen, doch der Versuch, das alte System zu retten, scheitert, und der König wird Zeuge, wie Volksvertreter die Macht übernehmen. Eine Nationalversammlung wird einberufen und die Revolution kommt ins Rollen. Es ist die Stunde Null der modernen Demokratie.

Joël Pommerat macht in seinem neuesten Stück das Theater zum politischen Forum, den Zuschauerraum zur Nationalversammlung, in der die explosiven Debatten über die Konstitution einer neuen Staatsform ausgehandelt werden. Es ist ein Blick in die Geschichte der Französischen Revolution von atemberaubender Lebendigkeit und Aktualität. Pommerats Politiker sprechen die Sprache von heute, tragen moderne Kostüme und haben heutige Namen, doch man erkennt in ihnen bekannte Figuren der Französischen Revolution. ÇA IRA, so der Originaltitel, ist in Frankreich das Stück der Stunde. Vor dem Hintergrund von islamistischem Terror und zunehmendem Rechtspopulismus in ganz Europa ist es ein gewichtiges Statement und ein theatrales Ereignis, das uns zeigt, wie schwer es war, unsere Freiheit zu gewinnen. Ein Glücksmoment für das Theater der Gegenwart.

Joël Pommerat, zweifacher Molière-Preisträger, ist seit Jahren der wichtigste und international erfolgreichste lebende Dramatiker Frankreichs. Erst seit Kurzem beginnen sich seine Stücke auch in Deutschland durchzusetzen. ÇA IRA wird in der Spielzeit 2016/17 an mehreren deutschen Theatern nachgespielt.

Wir danken der Gesellschaft der Musik- und Theaterfreunde e.V., ohne deren Unterstützung das aufwendige Bühnenbild von LA RÉVOLUTION – WIR SCHAFFEN DAS SCHON nicht möglich gewesen wäre.

Aufführungsdauer ca. 200 Minuten, eine Pause

Leitung

Inszenierung Stefan Otteni

Bühnenbild Peter Scior

Kostüme Sonja Albartus

Dramaturgie Barbara Bily / Michael Letmathe


Besetzung

Königin / Versan de Faillie / Bürgerin Regine Andratschke

Sitzungsvorsteherin / Journalistin / Lagache / Lamy / Sotto / Bürgerin Sandra Bezler / Maike Jüttendonk

König / Bürger Hubertus Hartmann

Abgeordnete des Adels / Journalistin / Camus / Hersch / Bürgerin Ulrike Knobloch

Elisabeth / Lefranc / Bürgerin Carola von Seckendorff

Dumont Brézé / Journalistin / Ménonville / Boudin / Bürgerin Andrea Spicher

Abgeordneter der Kirche / Boberlé / Marbis / Bürgerwehr / Bürger Frank-Peter Dettmann

Premierminister Müller / Bürger Ilja Harjes

Erzbischof von Narbonne / Offizier / Cabri / Du Réau / Bürger Gerhard Mohr

Gigart / Hémé / Bürger Daniel Rothaug

Carray / Offizier / Bürger Christian Bo Salle

De Lacanaux / Journalist / ausländischer Soldat / Angestellter im Rathaus / Bürger Bálint Tóth

Besetzung

Leitung

Inszenierung Stefan Otteni

Bühnenbild Peter Scior

Kostüme Sonja Albartus

Dramaturgie Barbara Bily / Michael Letmathe


Besetzung

Königin / Versan de Faillie / Bürgerin Regine Andratschke

Sitzungsvorsteherin / Journalistin / Lagache / Lamy / Sotto / Bürgerin Sandra Bezler / Maike Jüttendonk

König / Bürger Hubertus Hartmann

Abgeordnete des Adels / Journalistin / Camus / Hersch / Bürgerin Ulrike Knobloch

Elisabeth / Lefranc / Bürgerin Carola von Seckendorff

Dumont Brézé / Journalistin / Ménonville / Boudin / Bürgerin Andrea Spicher

Abgeordneter der Kirche / Boberlé / Marbis / Bürgerwehr / Bürger Frank-Peter Dettmann

Premierminister Müller / Bürger Ilja Harjes

Erzbischof von Narbonne / Offizier / Cabri / Du Réau / Bürger Gerhard Mohr

Gigart / Hémé / Bürger Daniel Rothaug

Carray / Offizier / Bürger Christian Bo Salle

De Lacanaux / Journalist / ausländischer Soldat / Angestellter im Rathaus / Bürger Bálint Tóth


Das Ensemble zeigt sich in ausgezeichneter Verfassung. Kein Text klingt papieren, sondern engagiert, politisiert, die Statements wirken hautnah herangeholt an aktuelle Debatten. [... ein] vielschichtiger und anregender Abend in Münster.

 zum kompletten Radiobeitrag ...

Martin Burkert, WDR 5, 24. April 2017

 

Das Licht ist nach dem letzten Satz des Königs kaum erloschen, als die ersten Bravos zu hören sind. Als es wieder angeht, stehen die ersten Zuschauer begeistert auf. Als beim dritten Applaus Regisseur Stefan Otteni und sein Team die Bühne betreten, erheben sich fast alle.

Vielleicht geschieht das auch aus Dankbarkeit. Als der König einmal erklärt, weiterhin alles im Griff zu haben, geht seine Schwester Elisabeth kopfschüttelnd zur auf der Bühne sitzenden Souffleuse und schaut, ob der längst unglaubwürdige Satz tatsächlich so im Skript steht. Mit solchen metatheatralen Spielchen lockert Otteni Pommerats Texts nett auf.

Diese Begeisterung dürfte jedoch vor allem Folge davon sein, dass die rhetorischen Momente des Stücks akzentuiert werden. Voraussetzung dafür ist die Bühne von Peter Scior: ein in großen, warm-braunen Platten eingetäfeltes Halbrund, an dem übereinander gestuft zwei Podeste angebracht sind, die durch Treppen bestiegen werden. Hinter dem höheren Podest kann sich zudem die Wand, gewaltigen Saaltüren gleichend, nach hinten öffnen. Zentral verläuft von der Bühnenmitte aus ein langer Steg bis in die hinteren Reihen des Parketts. Dieser Raum, der auch der hohe, herrschaftliche Raum des Königs sein kann, ist vor allem die Bühne der Nationalversammlung. Die Redner treten ans Mikro und sprechen das Publikum als Abgeordnete an. Die Inszenierung von Otteni suggeriert, Pommerats Konzeption folgend, Beteiligung: Man ist nicht nur Zuschauer, sondern selbst Abgeordneter.

Der Eindruck, direkt als ein solcher angesprochen zu werden, lässt eine Ahnung vom Erlebnis eines vitalen Parlamentarismus aufkommen. Ungemein engagiert werden die politischen Reden vom überzeugenden Ensemble vorgetragen. Das führt dazu, dass man sich als Zuschauer immer wieder von Positionen einnehmen lässt, ehe die Gegenrede deren Schattenseiten demonstriert. Pommerats Stück setzt am Beispiel der frühen Revolution die Dialektik der Aufklärung in Szene.

Otteni schlägt sich in seiner Inszenierung nie auf eine Seite. So erwecken die gebeutelten Pariser Bürger angesichts ihrer materiellen Not in einem Moment Mitleid, um im nächsten als vulgäre Wutbürger ihre individuellen Bedürfnisse mit denen des gesamten Volks gleichzusetzen. Kurz blitzt die Gegenwart in die historische Erinnerung, aber Otteni prügelt sie nicht mit dem Vorschlaghammer breit, sondern generiert gleich die nächste dialektische Situation. Der tagespolitischen Konkretisierung, die sich offenbar zahlreiche Zuschauer von der Pariser Uraufführung versprachen, verweigert er sich damit, lässt stattdessen einen Theaterabend entstehen, der nicht nur davon erzählt, wie die Bürger mündig wurden, sondern der diesen Prozess in seiner Komplexität vorführt.

Kai Bremer, nachtkritik.de, 23. April 2017

 

Ist das noch Französische Revolution, oder ist das schon europäische Gegenwart? Der französische Theatermacher Joël Pommerat zeigt in seinem Erfolgsstück mit dem deutschen Titel LA RÉVOLUTION #1 – WIR SCHAFFEN DAS SCHON, wie schwierig diese Frage zu beantworten ist. Etwa, weil die alten Konflikte immer wieder neu entstehen. Weil Demokratie ein mühevolles Bohren harter Bretter ist. Oder weil aus Idealismus schnell neuer Despotismus wird.

»Sie sind nicht repräsentativer als ich, Sie sprechen nur lauter!« Pommerats Text, der auf Nationalversammlungs-Protokollen aus dem 18. Jahrhundert fußt, lässt immer wieder staunen. Denn was die Abgeordneten einander um die Ohren hauen, klingt völlig zeitgemäß – oder auch zeitlos. Wenn sie über Gewalt streiten, kann die Debatte selbst zur Prügel-Orgie ausarten. Manches Geschäftsordnungs-Gezeter könnte von einem aktuellen Parteitag stammen. Terror in Paris, Putschversuch in der Türkei, Entmachtung Honeckers und Gorbatschows – alles lässt sich hier wiedererkennen.

Pommerat beschränkt sich auf die Anfänge der Revolution bis zum erzwungenen Umzug des Königs von Versailles nach Paris. Das Terror-Regime der Schreckens-Helden Danton und Robespierre wäre einer Fortsetzung vorbehalten. Aber welche – auch theatralische – Kraft steckt in diesen frühen Ereignissen! »An manchen Tagen . . . ich schwöre ihnen, habe ich den Eindruck, im Theater zu sein«, ruft ein Abgeordneter und spiegelt damit das Erlebnis der Zuhörer. Die sitzen nämlich mittendrin, bekommen den König über einen Laufsteg hautnah mit und mögen sich wundern, dass aus ihren Reihen immer wieder kommentierendes Gemurmel oder wüste Zwischenrufe erschallen.

Regisseur Stefan Otteni spielt im ausdrucksstark-schlichten Bühnenraum von Peter Scior hinreißend mit der Illusion, alles geschähe just im Augenblick und völlig ungeplant. So muss die Sitzungsvorsteherin energisch betonen, dass es zur Pause doch nicht – wie angekündigt – Sekt für alle gibt, und im Foyer wird plötzlich der König angekündigt, um eine zweifelhafte Huldigung über sich ergehen zu lassen. Hubertus Hartmann spielt den zaudernden Regenten mit wunderbarer Scheu.

Otteni stachelt sein starkes Ensemble so an, dass man jede Regung der Schauspieler (in wechselnden Rollen) für authentisch hält und ihr »Spiel« vergisst. Besonders stark wirkt das in den Szenen der Bezirksversammlungen, wo das aufgewühlte Volk einem Abgeordneten schon mal vorwirft, seine Abkopplung von der Realität zeige sich bereits am Anzug – Kostümbildnerin Sonja Albartus hat den Darstellern hier Jeans verordnet, während sie in der Nationalversammlung Anzüge und Kostüme tragen. Daniel Rothaug zieht sich auf der Bühne um und erntet Lacher.

Ohnehin ist das ernste Thema voller Komik, etwa, wenn Ulrike Knobloch, An­drea Spicher und Bálint Tóth als überkandideltes Reportertrio vom Königshaus berichten. Regine Andratschke und Carola von Seckendorff sind herrlich nervige Gefährtinnen des Königs, und wie Gerhard Mohr, Ilja Harjes, Christian Bo Salle und Frank-Peter Dettmann zwischen Bühne und Zuschauerraum herumwirbeln, wirkt geradezu ansteckend. Schön auch, wie Inspizient Tomasz Zwozniak sich selbst spielt. Dass die brillante Meike Jüttendonk kurzfristig eingesprungen ist – man mag es kaum glauben. Knapp dreieinhalb Stunden Politik der unterhaltsamsten Art.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 24. April 2017

 

Das Team des Theaters Münster schafft eine sprudelnde, quirlige, vor Leben nur so sprühende Umsetzung von Pommerats Stück, das in seinem Wesen und Duktus an die historischen Romane Lion Feuchtwangers gemahnt. LA RÉVOLUTION #1 – WIR SCHAFFEN DAS SCHON ist der Titel in Münster. Wie Angela Merkel ist König Louis der Meinung, die finanzielle Staatskrise überwinden zu können. Doch dann überstürzen sich die Ereignisse.

Auf der Bühne ein holzvertäfelter Versammlungssaal - doch das Bühnenbild ist eigentlich völlig nebensächlich. Denn das komplette Große Haus verwandelt sich in den Tagungsort. Ein hölzerner Steg ragt hinein in den Zuschauerraum. Direkt kommunizieren die Abgeordneten dort. Im Raum sitzen verteilt Mitglieder der Nationalversammlung, die die Debatte mit Zwischenrufen und Kommentaren befeuern. Das Einbeziehen eines »Chores« in die Inszenierungen des Schauspiels Münster, das dessen Direktor Frank Behnke inszeniert hat, wird hier perfektioniert. Hier tauchen dessen Mitglieder nicht mehr als anonyme Masse auf, sondern bringen sich als Individuen ein. Dadurch gelingt es, das Publikum zum Bestandteil der emotionalen Debatten werden zu lassen, die da geführt werden. Wir werden hineingezogen ins Geschehen und vor allem gezwungen, Stellung zu beziehen hinsichtlich der gesellschaftlichen Fragen, die uns alle betreffen und angehen. Und wir können alle fast körperlich erfahren, wie sehr sie uns angehen!

Auf der Bühne steht ein Mikrofon. Das ist umkämpft. Das Gerangel ums Rederecht wird zum letztlichen Fight um die Meinungsführerschaft. Das Prinzip scheint zu sein, dass, wer am meisten und lautesten quatscht, Recht hat. Wollen wir das wirklich? Am Ende meint König Louis – bereits gefangen in seinem Palast in Paris: »Wir schaffen das schon«. Schon bald wird man ihm der Kopf abschlagen. Wie können wir solche Realitätsverluste vermeiden? Viel zu denken vor, während und nach der Premiere.

Das Team des Theaters Münster realisiert einen perfekten, komplexen Abend, der jeden von Beginn bis zum Ende elektrisiert haben dürfte. So lebendig und faszinierend auch deshalb, weil er aus einem tief verwurzelten Ensemblegeist geboren wird, den wir in Münster schon sehr häufig erleben durften. Jeder gibt sein Bestes und hört, reagiert auf den Anderen. Nur so kann ein kleines Theaterwunder geschehen. Und deshalb wird an dieser Stelle auch niemand besonders herausgehoben. Stattdessen ein ernst gemeinter Kniefall und tiefe Hochachtung vor allen Beteiligten. Denn hier ist eine Komponente der Ideale der französischen Revolution oberstes Gebot: Égalité! [...] Sie alle erschaffen im grandiosen Zusammenwirken einen zutiefst eindrücklichen Theaterabend. Danke.

Kurz und bündig: Das ist eine unglaublich intensive Produktion. Wer nicht hingeht, ist nicht nur selbst schuld, sondern hat den Höhepunkt der Schauspielsaison in Münster verpasst.

Thomas Hilgemeier, theaterpur.net, 25. April 2017

 

Der fortwährende Schlagabtausch der Philosophien und Meinungen, den Joël Pommerat zum Leitprinzip seines dokumentarisch anmutenden Stücks über die ersten Schritte auf dem Weg in die Französische Revolution macht, hat etwas Atemberaubendes. Das ganze Theater wird zur Nationalversammlung. In Stefan Ottenis Münsteraner Inszenierung geht das Spiel selbst in der Pause im Foyer weiter. Revolutionäre Umwälzungen nehmen keine Rücksicht auf bürgerliche Gepflogenheiten.

Kulturkenner.de, 25. April 2017

 

Der grimmige Ernst der komplexen Inszenierung, die nicht nur Geschichte kraftvoll vergegenwärtigt, sondern den dynamischen politischen Kampf als modern erscheinen lässt, wird mitunter durch manchen Witz aufgehellt.

Alexander Reuter, Die Glocke, 24. April 2017

 

LA RÉVOLUTION liefert keine einfachen Lösungen. Es ist ein anstrengendes, sogar frustrierendes Stück eines fantastisch trotzigen Ensembles, von dem vor allem ein Eindruck bleibt: Dass es uns alle dazu auffordert, den Likörflakon fest zu greifen. Egal, wie solide er scheint, er ist es nicht.

Susanne Romanowski, Westfälischer Anzeiger, 24. April 2017

Presse

Das Ensemble zeigt sich in ausgezeichneter Verfassung. Kein Text klingt papieren, sondern engagiert, politisiert, die Statements wirken hautnah herangeholt an aktuelle Debatten. [... ein] vielschichtiger und anregender Abend in Münster.

 zum kompletten Radiobeitrag ...

Martin Burkert, WDR 5, 24. April 2017

 

Das Licht ist nach dem letzten Satz des Königs kaum erloschen, als die ersten Bravos zu hören sind. Als es wieder angeht, stehen die ersten Zuschauer begeistert auf. Als beim dritten Applaus Regisseur Stefan Otteni und sein Team die Bühne betreten, erheben sich fast alle.

Vielleicht geschieht das auch aus Dankbarkeit. Als der König einmal erklärt, weiterhin alles im Griff zu haben, geht seine Schwester Elisabeth kopfschüttelnd zur auf der Bühne sitzenden Souffleuse und schaut, ob der längst unglaubwürdige Satz tatsächlich so im Skript steht. Mit solchen metatheatralen Spielchen lockert Otteni Pommerats Texts nett auf.

Diese Begeisterung dürfte jedoch vor allem Folge davon sein, dass die rhetorischen Momente des Stücks akzentuiert werden. Voraussetzung dafür ist die Bühne von Peter Scior: ein in großen, warm-braunen Platten eingetäfeltes Halbrund, an dem übereinander gestuft zwei Podeste angebracht sind, die durch Treppen bestiegen werden. Hinter dem höheren Podest kann sich zudem die Wand, gewaltigen Saaltüren gleichend, nach hinten öffnen. Zentral verläuft von der Bühnenmitte aus ein langer Steg bis in die hinteren Reihen des Parketts. Dieser Raum, der auch der hohe, herrschaftliche Raum des Königs sein kann, ist vor allem die Bühne der Nationalversammlung. Die Redner treten ans Mikro und sprechen das Publikum als Abgeordnete an. Die Inszenierung von Otteni suggeriert, Pommerats Konzeption folgend, Beteiligung: Man ist nicht nur Zuschauer, sondern selbst Abgeordneter.

Der Eindruck, direkt als ein solcher angesprochen zu werden, lässt eine Ahnung vom Erlebnis eines vitalen Parlamentarismus aufkommen. Ungemein engagiert werden die politischen Reden vom überzeugenden Ensemble vorgetragen. Das führt dazu, dass man sich als Zuschauer immer wieder von Positionen einnehmen lässt, ehe die Gegenrede deren Schattenseiten demonstriert. Pommerats Stück setzt am Beispiel der frühen Revolution die Dialektik der Aufklärung in Szene.

Otteni schlägt sich in seiner Inszenierung nie auf eine Seite. So erwecken die gebeutelten Pariser Bürger angesichts ihrer materiellen Not in einem Moment Mitleid, um im nächsten als vulgäre Wutbürger ihre individuellen Bedürfnisse mit denen des gesamten Volks gleichzusetzen. Kurz blitzt die Gegenwart in die historische Erinnerung, aber Otteni prügelt sie nicht mit dem Vorschlaghammer breit, sondern generiert gleich die nächste dialektische Situation. Der tagespolitischen Konkretisierung, die sich offenbar zahlreiche Zuschauer von der Pariser Uraufführung versprachen, verweigert er sich damit, lässt stattdessen einen Theaterabend entstehen, der nicht nur davon erzählt, wie die Bürger mündig wurden, sondern der diesen Prozess in seiner Komplexität vorführt.

Kai Bremer, nachtkritik.de, 23. April 2017

 

Ist das noch Französische Revolution, oder ist das schon europäische Gegenwart? Der französische Theatermacher Joël Pommerat zeigt in seinem Erfolgsstück mit dem deutschen Titel LA RÉVOLUTION #1 – WIR SCHAFFEN DAS SCHON, wie schwierig diese Frage zu beantworten ist. Etwa, weil die alten Konflikte immer wieder neu entstehen. Weil Demokratie ein mühevolles Bohren harter Bretter ist. Oder weil aus Idealismus schnell neuer Despotismus wird.

»Sie sind nicht repräsentativer als ich, Sie sprechen nur lauter!« Pommerats Text, der auf Nationalversammlungs-Protokollen aus dem 18. Jahrhundert fußt, lässt immer wieder staunen. Denn was die Abgeordneten einander um die Ohren hauen, klingt völlig zeitgemäß – oder auch zeitlos. Wenn sie über Gewalt streiten, kann die Debatte selbst zur Prügel-Orgie ausarten. Manches Geschäftsordnungs-Gezeter könnte von einem aktuellen Parteitag stammen. Terror in Paris, Putschversuch in der Türkei, Entmachtung Honeckers und Gorbatschows – alles lässt sich hier wiedererkennen.

Pommerat beschränkt sich auf die Anfänge der Revolution bis zum erzwungenen Umzug des Königs von Versailles nach Paris. Das Terror-Regime der Schreckens-Helden Danton und Robespierre wäre einer Fortsetzung vorbehalten. Aber welche – auch theatralische – Kraft steckt in diesen frühen Ereignissen! »An manchen Tagen . . . ich schwöre ihnen, habe ich den Eindruck, im Theater zu sein«, ruft ein Abgeordneter und spiegelt damit das Erlebnis der Zuhörer. Die sitzen nämlich mittendrin, bekommen den König über einen Laufsteg hautnah mit und mögen sich wundern, dass aus ihren Reihen immer wieder kommentierendes Gemurmel oder wüste Zwischenrufe erschallen.

Regisseur Stefan Otteni spielt im ausdrucksstark-schlichten Bühnenraum von Peter Scior hinreißend mit der Illusion, alles geschähe just im Augenblick und völlig ungeplant. So muss die Sitzungsvorsteherin energisch betonen, dass es zur Pause doch nicht – wie angekündigt – Sekt für alle gibt, und im Foyer wird plötzlich der König angekündigt, um eine zweifelhafte Huldigung über sich ergehen zu lassen. Hubertus Hartmann spielt den zaudernden Regenten mit wunderbarer Scheu.

Otteni stachelt sein starkes Ensemble so an, dass man jede Regung der Schauspieler (in wechselnden Rollen) für authentisch hält und ihr »Spiel« vergisst. Besonders stark wirkt das in den Szenen der Bezirksversammlungen, wo das aufgewühlte Volk einem Abgeordneten schon mal vorwirft, seine Abkopplung von der Realität zeige sich bereits am Anzug – Kostümbildnerin Sonja Albartus hat den Darstellern hier Jeans verordnet, während sie in der Nationalversammlung Anzüge und Kostüme tragen. Daniel Rothaug zieht sich auf der Bühne um und erntet Lacher.

Ohnehin ist das ernste Thema voller Komik, etwa, wenn Ulrike Knobloch, An­drea Spicher und Bálint Tóth als überkandideltes Reportertrio vom Königshaus berichten. Regine Andratschke und Carola von Seckendorff sind herrlich nervige Gefährtinnen des Königs, und wie Gerhard Mohr, Ilja Harjes, Christian Bo Salle und Frank-Peter Dettmann zwischen Bühne und Zuschauerraum herumwirbeln, wirkt geradezu ansteckend. Schön auch, wie Inspizient Tomasz Zwozniak sich selbst spielt. Dass die brillante Meike Jüttendonk kurzfristig eingesprungen ist – man mag es kaum glauben. Knapp dreieinhalb Stunden Politik der unterhaltsamsten Art.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 24. April 2017

 

Das Team des Theaters Münster schafft eine sprudelnde, quirlige, vor Leben nur so sprühende Umsetzung von Pommerats Stück, das in seinem Wesen und Duktus an die historischen Romane Lion Feuchtwangers gemahnt. LA RÉVOLUTION #1 – WIR SCHAFFEN DAS SCHON ist der Titel in Münster. Wie Angela Merkel ist König Louis der Meinung, die finanzielle Staatskrise überwinden zu können. Doch dann überstürzen sich die Ereignisse.

Auf der Bühne ein holzvertäfelter Versammlungssaal - doch das Bühnenbild ist eigentlich völlig nebensächlich. Denn das komplette Große Haus verwandelt sich in den Tagungsort. Ein hölzerner Steg ragt hinein in den Zuschauerraum. Direkt kommunizieren die Abgeordneten dort. Im Raum sitzen verteilt Mitglieder der Nationalversammlung, die die Debatte mit Zwischenrufen und Kommentaren befeuern. Das Einbeziehen eines »Chores« in die Inszenierungen des Schauspiels Münster, das dessen Direktor Frank Behnke inszeniert hat, wird hier perfektioniert. Hier tauchen dessen Mitglieder nicht mehr als anonyme Masse auf, sondern bringen sich als Individuen ein. Dadurch gelingt es, das Publikum zum Bestandteil der emotionalen Debatten werden zu lassen, die da geführt werden. Wir werden hineingezogen ins Geschehen und vor allem gezwungen, Stellung zu beziehen hinsichtlich der gesellschaftlichen Fragen, die uns alle betreffen und angehen. Und wir können alle fast körperlich erfahren, wie sehr sie uns angehen!

Auf der Bühne steht ein Mikrofon. Das ist umkämpft. Das Gerangel ums Rederecht wird zum letztlichen Fight um die Meinungsführerschaft. Das Prinzip scheint zu sein, dass, wer am meisten und lautesten quatscht, Recht hat. Wollen wir das wirklich? Am Ende meint König Louis – bereits gefangen in seinem Palast in Paris: »Wir schaffen das schon«. Schon bald wird man ihm der Kopf abschlagen. Wie können wir solche Realitätsverluste vermeiden? Viel zu denken vor, während und nach der Premiere.

Das Team des Theaters Münster realisiert einen perfekten, komplexen Abend, der jeden von Beginn bis zum Ende elektrisiert haben dürfte. So lebendig und faszinierend auch deshalb, weil er aus einem tief verwurzelten Ensemblegeist geboren wird, den wir in Münster schon sehr häufig erleben durften. Jeder gibt sein Bestes und hört, reagiert auf den Anderen. Nur so kann ein kleines Theaterwunder geschehen. Und deshalb wird an dieser Stelle auch niemand besonders herausgehoben. Stattdessen ein ernst gemeinter Kniefall und tiefe Hochachtung vor allen Beteiligten. Denn hier ist eine Komponente der Ideale der französischen Revolution oberstes Gebot: Égalité! [...] Sie alle erschaffen im grandiosen Zusammenwirken einen zutiefst eindrücklichen Theaterabend. Danke.

Kurz und bündig: Das ist eine unglaublich intensive Produktion. Wer nicht hingeht, ist nicht nur selbst schuld, sondern hat den Höhepunkt der Schauspielsaison in Münster verpasst.

Thomas Hilgemeier, theaterpur.net, 25. April 2017

 

Der fortwährende Schlagabtausch der Philosophien und Meinungen, den Joël Pommerat zum Leitprinzip seines dokumentarisch anmutenden Stücks über die ersten Schritte auf dem Weg in die Französische Revolution macht, hat etwas Atemberaubendes. Das ganze Theater wird zur Nationalversammlung. In Stefan Ottenis Münsteraner Inszenierung geht das Spiel selbst in der Pause im Foyer weiter. Revolutionäre Umwälzungen nehmen keine Rücksicht auf bürgerliche Gepflogenheiten.

Kulturkenner.de, 25. April 2017

 

Der grimmige Ernst der komplexen Inszenierung, die nicht nur Geschichte kraftvoll vergegenwärtigt, sondern den dynamischen politischen Kampf als modern erscheinen lässt, wird mitunter durch manchen Witz aufgehellt.

Alexander Reuter, Die Glocke, 24. April 2017

 

LA RÉVOLUTION liefert keine einfachen Lösungen. Es ist ein anstrengendes, sogar frustrierendes Stück eines fantastisch trotzigen Ensembles, von dem vor allem ein Eindruck bleibt: Dass es uns alle dazu auffordert, den Likörflakon fest zu greifen. Egal, wie solide er scheint, er ist es nicht.

Susanne Romanowski, Westfälischer Anzeiger, 24. April 2017

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19.00 Uhr · Großes Haus
Samstag Abo Gr. Haus

18.30 Einführung im Foyer Gr. Haus

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