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GEÄCHTET

(DISGRACED) von Ayad Akhtar

  • Christoph Rinke, Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann
    © Oliver Berg
  • Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Jonas Riemer
    © Oliver Berg
  • Claudia Hübschmann, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Claudia Hübschmann, Jonas Riemer
    © Oliver Berg
  • Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Garry Fischmann <br />© Oliver Berg
    Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Garry Fischmann
    © Oliver Berg
  • Claudia Hübschmann, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Claudia Hübschmann, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Jonas Riemer
    © Oliver Berg
  • Christoph Rinke, Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann
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  • Natalja Joselewitsch, Claudia Hübschmann, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Claudia Hübschmann, Jonas Riemer
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  • Claudia Hübschmann, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Claudia Hübschmann, Jonas Riemer
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  • Christoph Rinke, Claudia Hübschmann <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke, Claudia Hübschmann
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  • Natalja Joselewitsch, Christoph Rinke, Jonas Riemer <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Christoph Rinke, Jonas Riemer
    © Oliver Berg

Wenn ich zwischen Gerechtigkeit und Ordnung wählen muss, wähle ich immer die Ordnung.

Do, 30. November 2017
19.30 Uhr · Kleines Haus · Preise D

Weitere Termine

Leider keine weiteren Termine geplant.

Amir Kapoor ist Anwalt in einer renommierten New Yorker Kanzlei. Er hat pakistanische Wurzeln und mit seinem Glauben gebrochen. Emily, seine Frau, ist eine kurz vor dem Durchbruch stehende weiße protestantische Künstlerin, die in der Malerei ihre Vorliebe für die islamische Kultur ausdrückt: Ein Paar, beheimatet in der Upperclass und dem zugehörigen westlichen Wertesystem. Die beiden veranstalten ein Abendessen und laden dazu Amirs Kollegin Jory, eine afroamerikanische Anwältin, und ihren Mann Isaac, einen jüdisch-amerikanischen Kunstkurator, ein. Beide Paare sind liberal, eloquent, gebildet und kultiviert. Doch das Essen wird schneller zum Desaster, als der Hauptgang serviert ist. Aus dem üblichen Small Talk entwickelt sich plötzlich eine Grundsatzdebatte über Religion, Rassismus, die großen Fragen der Migrationsgesellschaft. Was als Hochglanzkomödie beginnt, endet in einem Identitätsdrama, in dem die Unüberwindbarkeit religiöser Grundsätze zur Kernfrage wird.

Ayad Akhtar zeichnet mit seinem Stück eine hochaktuelle Milieustudie der westlichen Gesellschaft. Er erzählt provokant von der prägenden Kraft ethnischer Zugehörigkeit, die manchmal größere Macht entfaltet, als uns in unserer liberalen und toleranzgläubigen Kultur lieb ist. Der New Yorker Autor Ayad Akhtar, der selbst pakistanische Wurzeln hat, gewann mit seinem Stück GEÄCHTET (DISGRACED) 2013 den Pulitzer-Preis.

Aufführungsdauer ca. 110 Minuten, keine Pause

Info

Amir Kapoor ist Anwalt in einer renommierten New Yorker Kanzlei. Er hat pakistanische Wurzeln und mit seinem Glauben gebrochen. Emily, seine Frau, ist eine kurz vor dem Durchbruch stehende weiße protestantische Künstlerin, die in der Malerei ihre Vorliebe für die islamische Kultur ausdrückt: Ein Paar, beheimatet in der Upperclass und dem zugehörigen westlichen Wertesystem. Die beiden veranstalten ein Abendessen und laden dazu Amirs Kollegin Jory, eine afroamerikanische Anwältin, und ihren Mann Isaac, einen jüdisch-amerikanischen Kunstkurator, ein. Beide Paare sind liberal, eloquent, gebildet und kultiviert. Doch das Essen wird schneller zum Desaster, als der Hauptgang serviert ist. Aus dem üblichen Small Talk entwickelt sich plötzlich eine Grundsatzdebatte über Religion, Rassismus, die großen Fragen der Migrationsgesellschaft. Was als Hochglanzkomödie beginnt, endet in einem Identitätsdrama, in dem die Unüberwindbarkeit religiöser Grundsätze zur Kernfrage wird.

Ayad Akhtar zeichnet mit seinem Stück eine hochaktuelle Milieustudie der westlichen Gesellschaft. Er erzählt provokant von der prägenden Kraft ethnischer Zugehörigkeit, die manchmal größere Macht entfaltet, als uns in unserer liberalen und toleranzgläubigen Kultur lieb ist. Der New Yorker Autor Ayad Akhtar, der selbst pakistanische Wurzeln hat, gewann mit seinem Stück GEÄCHTET (DISGRACED) 2013 den Pulitzer-Preis.

Aufführungsdauer ca. 110 Minuten, keine Pause

Leitung

Inszenierung Christina Paulhofer

Bühnenbild Bernhard Niechotz

Kostüme Lili Wanner

Musik Sylvain Jacques

Dramaturgie Michael Letmathe


Besetzung

Emily Claudia Hübschmann

Isaac Christoph Rinke

Amir Jonas Riemer

Jory Natalja Joselewitsch

Abe Garry Fischmann

Besetzung

Leitung

Inszenierung Christina Paulhofer

Bühnenbild Bernhard Niechotz

Kostüme Lili Wanner

Musik Sylvain Jacques

Dramaturgie Michael Letmathe


Besetzung

Emily Claudia Hübschmann

Isaac Christoph Rinke

Amir Jonas Riemer

Jory Natalja Joselewitsch

Abe Garry Fischmann


Es ist geradezu herausfordernd, wie druckvoll das Ensemble in Münster den Text ausspielt. Jonas Riemer springt eine HipHop-Nummer ein, die die Musik seines Neffen kontert und zur Versöhnung beiträgt. Riemer gibt den jugendlichen Rechtsanwalt Amir als optimistischen Strategen, der seine Angst, zu scheitern, unter einem Karriereplan verbirgt. Emily passt zu ihm, ist die attraktive Künstlerin doch auch Protestantin und in New York ein Baustein seiner Assimilation. Claudia Hübschmann betont kess und schnackelig Emilys Eigensinn. Sie möchte, dass Amir einem Iman, der Geld für seine Kirche sammelt (oder die Hamas?), rechtlich unterstützt. Sie selbst hat sich bereits der arabischen Kultur geöffnet und reagiert mit ihren Bildern auf »islamische Fliesen«. Sie plädiert für »Ruhe, Rhythmus, Formensprache« und eben »kein Ego«, wie es in der westlichen Kunst gefordert wird. Das hat der Dramatiker Akhtar humorvoll zugespitzt, und er arbeitet immer wieder mit Themenklischees.

Regisseurin Paulhofer akzentuiert mehr die Konfliktzonen als die Ironie des Stücks, auch wenn plötzlich ein rosa Elefant durch Bühnenbild läuft. Als Kunstkurator Isaac zum Essen ins Loft kommt, trifft auch Amir auf seine afroamerikanische Kollegin Jory, Isaacs Frau. Zu Diego Velazques Gemälde über einen Sklaven (von 1650) fällt das Wort »Mohr«, und Jory ist irritiert. Natalja Joselewitsch spielt sie konfliktbereit und im Streit hämisch und verletztend, als sie annehmen muss, dass ihr Mann eine Affäre mit Emily in London hatte. Es kulminieren die Enttäuschungen. Christoph Rinke macht aus Issac in silbrig glitzernden Boots einen intellektuellen Selbstdarsteller, der bei dem angetrunkenen Amir Antisemitismus ausmacht, während das Thema 11. September offen diskutiert wird.

Achim Lettmann, Westfälischer Anzeiger, 29. Mai 2017

 

Es ist das Stück der Stunde, wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und schon häufig aufgeführt. In Münsters Kleinem Haus hat Christina Paulhofer es inszeniert.

Die dramaturgische Nähe zum GOTT DES GEMETZELS ist offenkundig, als Zündfunke für die explodierenden Konflikte fungiert hier Amirs Neffe, der um juristischen Beistand für einen Imam bittet und damit die Entlarvung von Amirs Assimilations-Tricks anstößt. Das Abendessen zweier kultivierter Paare wird zur Katastrophe, weil Amir nicht nur mancher Islam-Schwärmerei (»Cordoba!«) seine kritische Sicht auf den Koran entgegenstemmt, sondern zudem erkennen muss, dass er auf dem Karriereweg von der Afroamerikanerin Jory überholt wurde. Jähzornig schlägt und vergewaltigt er später seine Frau, und nebenher erlebt er voller Schrecken, dass sich der nette Neffe radikalisiert.

Ayad Akhtar hat sein Stück ein bisschen so angerichtet wie Emily ihren Salat: die Zutaten einer großen Islam-Debatte, wie sie hierzulande etwa Mouhanad Khorchide und Hamed Abdel-Samad führen, klein geschnitten für knapp zwei unterhaltsam-erhellende Stunden. Die Dialoge leitartikeln etwas, aber das Geschick des Autors besteht darin, seine Figuren nicht zu bloßen Thesenträgern zu machen: Wer etwa Amirs Wutrede gegen Inhumanität teilt, muss miterleben, wie inhuman er sich selbst benimmt.

Regisseurin Paulhofer lässt es laut und theatralisch werden, bricht aber im symbolträchtigen Bühnenbild von Bernhard Niechotz mit seinen Lampen-Individuen die Konversations-Routine auf, etwa mit archaischen Traumsequenzen oder der Vorstellung der Schauspieler. Jonas Riemer als Amir ist ein Modell-Karrierist mit Macho-Allüre unterm Dreiteiler, Konkurrentin Jory (Natalja Joselewitsch) ein »Weibchen« mit Entschlusskraft. Claudia Hübschmann und Christoph Rinke sind starke Partner in den Künstler-Rollen, und Garry Fischmann schafft es, Zuneigung für den Neffen zu erzeugen, der in den Sog des Islamismus gerät.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 29. Mai 2017

 

Da trifft aber wirklich alles Konfliktpotenzial aufeinander, das wir uns vorstellen können: ein Anwalt mit pakistanisch-muslimischen Wurzeln ist verheiratet mit einer protestantisch geprägten weißen Künstlerin. Das Paar lädt die afroamerikanische Kollegin des Anwalts und deren Mann, einen jüdischen Kunstkenner, zum Essen ein. Alle meinen, ihre Wurzeln überwunden und Teile einer liberalen US-Multikulti-Gesellschaft zu sein.

Mal ehrlich, jeder der diese Exposition zu Ayad Akhtars Drama GEÄCHTET zur Kenntnis nimmt, denkt an eine Satire oder an den hemmungslosen Gebrauch eines Holzhammers. – so geballt werden Problemberge angehäuft. Tatsächlich stellt sich GEÄCHTET heraus als mit Konflikten sehr engmaschig ausgestattetes Drama, das Fragen der Identitätssuche genauso berührt wie Loyalitätsfragen zu Religion, ethnischer Herkunft oder Verankerung im westlich-demokratischen Gesellschaftssystem. Gleichberechtigung, sexuelle Selbstbestimmung der Frau, Seilschaften im Arbeitsleben... Alles Dinge, die zumindest angerissen werden. Da fehlt natürlich auch der radikalisierte (um das Modewort zu benutzen) Neffe nicht. Das ist dicht, sehr dicht, vielleicht sogar viel zu dicht. Vielleicht kann es auch nur oberflächlich sein. Das ist möglich. Über das Stück kann man ganz gewiss trefflich diskutieren. Es streift sicher eher aktuelle Debatten ohne nachhaltig zu sein.

Diskutieren kann man aber ganz gewiss nicht über die szenische und darstellerische Umsetzung von GEÄCHTET am Theater Münster. Da blieben keine Wünsche offen und Christina Paulhofers Inszenierung reißt strudelartig hinein in das Seelenleben der Protagonisten. In Bernhard Niechotz’ schickem Loft residiert Amir, der Anwalt, und glaubt alles richtig gemacht zu haben. Er hat sich befreit von seinen muslimischen Wurzeln, sich angepasst ans liberale Amerika und hat deshalb in seiner Kanzlei reüssiert. Wie überheblich und von Unverständnis geprägt ist seine Reaktion auf seinen Neffen, der sich unverstanden fühlt und sich besinnt auf seine Religion. Um so härter trifft es Amir, als sein Lebensentwurf wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Da überflügelt ihn die Kollegin in der Kanzlei – wahrscheinlich wegen seines muslimischen Hintergrunds – und seine Frau hat ihn mit dem Kunstkenner betrogen. Amir rastet aus, wirft alles über Bord, vergewaltigt seine Frau... und steht einsam da, in seinen Grundfesten erschüttert.

Paulhofer konzentriert sich ganz auf Amir, entwickelt die anderen Figuren aus ihrem Verhältnis zu ihm heraus und nutzt die Musik Sylvain Jacques’ als gliederndes Element. Und sie stellt klugerweise nicht aktuelle Bezüge und gesellschaftspolitische Fragestellungen in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Ihr ist es um die menschliche Tragödie eines Mannes zu tun, der wie einst Hiob Stück für Stück aller Gewissheiten in seinem Leben beraubt wird. Dafür hat sie in Jonas Riemer einen perfekten Darsteller gefunden. Es ist beklemmend, ergreifend zu sehen, ja zu spüren, mit welch’ Hingabe Riemer sich in Amir versenkt und schonungslos dessen Psyche Stück für Stück entblättert. Da bleiben den Anderen vordergründig nur Sekundantenrollen. Die aber werden hervorragend gestaltet. Denn keiner kommt ungeschoren davon und Blessuren für das weitere Leben werden zurückbleiben. Immer stiller und zurückhaltender wird Claudia Hübschmann als Amirs Frau. Sprachlich-intellektuelle Überlegenheit weicht völliger Fassungslosigkeit nach der Vergewaltigung. Hübschmann zeigt, was der Terminus »eine gebrochene« Frau bedeutet. Christoph Rinke als Kurator Isaac und Natalja Joselewitsch als Anwältin Jory müssen erfahren, wie es ist, wenn glatte Lebensplanung Risse bekommt, die erschüttern. Und Garry Fischmann als Abe versteht sich und die Welt um ihn herum immer weniger. Das Publikum erlebt ein intensives Gefühlsinferno.

Thomas Hilgemeier, Theater Pur, 1.  Juni 17

Presse

Es ist geradezu herausfordernd, wie druckvoll das Ensemble in Münster den Text ausspielt. Jonas Riemer springt eine HipHop-Nummer ein, die die Musik seines Neffen kontert und zur Versöhnung beiträgt. Riemer gibt den jugendlichen Rechtsanwalt Amir als optimistischen Strategen, der seine Angst, zu scheitern, unter einem Karriereplan verbirgt. Emily passt zu ihm, ist die attraktive Künstlerin doch auch Protestantin und in New York ein Baustein seiner Assimilation. Claudia Hübschmann betont kess und schnackelig Emilys Eigensinn. Sie möchte, dass Amir einem Iman, der Geld für seine Kirche sammelt (oder die Hamas?), rechtlich unterstützt. Sie selbst hat sich bereits der arabischen Kultur geöffnet und reagiert mit ihren Bildern auf »islamische Fliesen«. Sie plädiert für »Ruhe, Rhythmus, Formensprache« und eben »kein Ego«, wie es in der westlichen Kunst gefordert wird. Das hat der Dramatiker Akhtar humorvoll zugespitzt, und er arbeitet immer wieder mit Themenklischees.

Regisseurin Paulhofer akzentuiert mehr die Konfliktzonen als die Ironie des Stücks, auch wenn plötzlich ein rosa Elefant durch Bühnenbild läuft. Als Kunstkurator Isaac zum Essen ins Loft kommt, trifft auch Amir auf seine afroamerikanische Kollegin Jory, Isaacs Frau. Zu Diego Velazques Gemälde über einen Sklaven (von 1650) fällt das Wort »Mohr«, und Jory ist irritiert. Natalja Joselewitsch spielt sie konfliktbereit und im Streit hämisch und verletztend, als sie annehmen muss, dass ihr Mann eine Affäre mit Emily in London hatte. Es kulminieren die Enttäuschungen. Christoph Rinke macht aus Issac in silbrig glitzernden Boots einen intellektuellen Selbstdarsteller, der bei dem angetrunkenen Amir Antisemitismus ausmacht, während das Thema 11. September offen diskutiert wird.

Achim Lettmann, Westfälischer Anzeiger, 29. Mai 2017

 

Es ist das Stück der Stunde, wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und schon häufig aufgeführt. In Münsters Kleinem Haus hat Christina Paulhofer es inszeniert.

Die dramaturgische Nähe zum GOTT DES GEMETZELS ist offenkundig, als Zündfunke für die explodierenden Konflikte fungiert hier Amirs Neffe, der um juristischen Beistand für einen Imam bittet und damit die Entlarvung von Amirs Assimilations-Tricks anstößt. Das Abendessen zweier kultivierter Paare wird zur Katastrophe, weil Amir nicht nur mancher Islam-Schwärmerei (»Cordoba!«) seine kritische Sicht auf den Koran entgegenstemmt, sondern zudem erkennen muss, dass er auf dem Karriereweg von der Afroamerikanerin Jory überholt wurde. Jähzornig schlägt und vergewaltigt er später seine Frau, und nebenher erlebt er voller Schrecken, dass sich der nette Neffe radikalisiert.

Ayad Akhtar hat sein Stück ein bisschen so angerichtet wie Emily ihren Salat: die Zutaten einer großen Islam-Debatte, wie sie hierzulande etwa Mouhanad Khorchide und Hamed Abdel-Samad führen, klein geschnitten für knapp zwei unterhaltsam-erhellende Stunden. Die Dialoge leitartikeln etwas, aber das Geschick des Autors besteht darin, seine Figuren nicht zu bloßen Thesenträgern zu machen: Wer etwa Amirs Wutrede gegen Inhumanität teilt, muss miterleben, wie inhuman er sich selbst benimmt.

Regisseurin Paulhofer lässt es laut und theatralisch werden, bricht aber im symbolträchtigen Bühnenbild von Bernhard Niechotz mit seinen Lampen-Individuen die Konversations-Routine auf, etwa mit archaischen Traumsequenzen oder der Vorstellung der Schauspieler. Jonas Riemer als Amir ist ein Modell-Karrierist mit Macho-Allüre unterm Dreiteiler, Konkurrentin Jory (Natalja Joselewitsch) ein »Weibchen« mit Entschlusskraft. Claudia Hübschmann und Christoph Rinke sind starke Partner in den Künstler-Rollen, und Garry Fischmann schafft es, Zuneigung für den Neffen zu erzeugen, der in den Sog des Islamismus gerät.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 29. Mai 2017

 

Da trifft aber wirklich alles Konfliktpotenzial aufeinander, das wir uns vorstellen können: ein Anwalt mit pakistanisch-muslimischen Wurzeln ist verheiratet mit einer protestantisch geprägten weißen Künstlerin. Das Paar lädt die afroamerikanische Kollegin des Anwalts und deren Mann, einen jüdischen Kunstkenner, zum Essen ein. Alle meinen, ihre Wurzeln überwunden und Teile einer liberalen US-Multikulti-Gesellschaft zu sein.

Mal ehrlich, jeder der diese Exposition zu Ayad Akhtars Drama GEÄCHTET zur Kenntnis nimmt, denkt an eine Satire oder an den hemmungslosen Gebrauch eines Holzhammers. – so geballt werden Problemberge angehäuft. Tatsächlich stellt sich GEÄCHTET heraus als mit Konflikten sehr engmaschig ausgestattetes Drama, das Fragen der Identitätssuche genauso berührt wie Loyalitätsfragen zu Religion, ethnischer Herkunft oder Verankerung im westlich-demokratischen Gesellschaftssystem. Gleichberechtigung, sexuelle Selbstbestimmung der Frau, Seilschaften im Arbeitsleben... Alles Dinge, die zumindest angerissen werden. Da fehlt natürlich auch der radikalisierte (um das Modewort zu benutzen) Neffe nicht. Das ist dicht, sehr dicht, vielleicht sogar viel zu dicht. Vielleicht kann es auch nur oberflächlich sein. Das ist möglich. Über das Stück kann man ganz gewiss trefflich diskutieren. Es streift sicher eher aktuelle Debatten ohne nachhaltig zu sein.

Diskutieren kann man aber ganz gewiss nicht über die szenische und darstellerische Umsetzung von GEÄCHTET am Theater Münster. Da blieben keine Wünsche offen und Christina Paulhofers Inszenierung reißt strudelartig hinein in das Seelenleben der Protagonisten. In Bernhard Niechotz’ schickem Loft residiert Amir, der Anwalt, und glaubt alles richtig gemacht zu haben. Er hat sich befreit von seinen muslimischen Wurzeln, sich angepasst ans liberale Amerika und hat deshalb in seiner Kanzlei reüssiert. Wie überheblich und von Unverständnis geprägt ist seine Reaktion auf seinen Neffen, der sich unverstanden fühlt und sich besinnt auf seine Religion. Um so härter trifft es Amir, als sein Lebensentwurf wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Da überflügelt ihn die Kollegin in der Kanzlei – wahrscheinlich wegen seines muslimischen Hintergrunds – und seine Frau hat ihn mit dem Kunstkenner betrogen. Amir rastet aus, wirft alles über Bord, vergewaltigt seine Frau... und steht einsam da, in seinen Grundfesten erschüttert.

Paulhofer konzentriert sich ganz auf Amir, entwickelt die anderen Figuren aus ihrem Verhältnis zu ihm heraus und nutzt die Musik Sylvain Jacques’ als gliederndes Element. Und sie stellt klugerweise nicht aktuelle Bezüge und gesellschaftspolitische Fragestellungen in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Ihr ist es um die menschliche Tragödie eines Mannes zu tun, der wie einst Hiob Stück für Stück aller Gewissheiten in seinem Leben beraubt wird. Dafür hat sie in Jonas Riemer einen perfekten Darsteller gefunden. Es ist beklemmend, ergreifend zu sehen, ja zu spüren, mit welch’ Hingabe Riemer sich in Amir versenkt und schonungslos dessen Psyche Stück für Stück entblättert. Da bleiben den Anderen vordergründig nur Sekundantenrollen. Die aber werden hervorragend gestaltet. Denn keiner kommt ungeschoren davon und Blessuren für das weitere Leben werden zurückbleiben. Immer stiller und zurückhaltender wird Claudia Hübschmann als Amirs Frau. Sprachlich-intellektuelle Überlegenheit weicht völliger Fassungslosigkeit nach der Vergewaltigung. Hübschmann zeigt, was der Terminus »eine gebrochene« Frau bedeutet. Christoph Rinke als Kurator Isaac und Natalja Joselewitsch als Anwältin Jory müssen erfahren, wie es ist, wenn glatte Lebensplanung Risse bekommt, die erschüttern. Und Garry Fischmann als Abe versteht sich und die Welt um ihn herum immer weniger. Das Publikum erlebt ein intensives Gefühlsinferno.

Thomas Hilgemeier, Theater Pur, 1.  Juni 17


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19.30 Uhr · Kleines Haus · Preise D

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