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DON CARLO. EIN REQUIEM

Oper von Giuseppe Verdi unter Verwendung des REQUIEMS von Alfred Schnittke

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
  • Christoph Stegemann, Stephan Klemm <br />© Oliver Berg
    Christoph Stegemann, Stephan Klemm
    © Oliver Berg
  • Garrie Davislim, Stephan Klemm, Chor <br />© Oliver Berg
    Garrie Davislim, Stephan Klemm, Chor
    © Oliver Berg
  • Stephan Klemm, Opernchor <br />© Oliver Berg
    Stephan Klemm, Opernchor
    © Oliver Berg
  • Filippo Bettoschi, Garrie Davislim <br />© Oliver Berg
    Filippo Bettoschi, Garrie Davislim
    © Oliver Berg
  • Kathrin Filip, Monika Walerowicz <br />© Oliver Berg
    Kathrin Filip, Monika Walerowicz
    © Oliver Berg
  • Garrie Davislim <br />© Oliver Berg
    Garrie Davislim
    © Oliver Berg
  • Garrie Davislim, Kristi-Anna Isene <br />© Oliver Berg
    Garrie Davislim, Kristi-Anna Isene
    © Oliver Berg
  • Monika Walerowicz, Stephan Klemm <br />© Oliver Berg
    Monika Walerowicz, Stephan Klemm
    © Oliver Berg
  • Monika Walerowicz, Kristi-Anna Isene <br />© Oliver Berg
    Monika Walerowicz, Kristi-Anna Isene
    © Oliver Berg

»Als mir diese Krone aufs Haupt gesetzt wurde, schwor ich zu Gott, den Glauben mit Feuer und Schwert zu schützen.«

So, 05. November 2017
19.00 Uhr · Großes Haus · Preise A
CTG Sonntags Ring , Mischabo , CTG Viererring 1

18.30 Einführung im Foyer Gr. Haus

Das düstere Vermächtnis seines despotischen Vaters Karl V. lastet schwer auf den Schultern Philipp II. Aus seinem Schatten heraus regiert er als König unfrei und zerstört nicht nur das Lebensglück seines Sohnes Carlo: Aus Staatsraison nimmt er dessen Verlobte Elisabeth zu seiner Frau. Mit der gleichen rigorosen Machtpolitik unterdrückt er auch alle Andersgläubigen: Die Protestanten werden als Ketzer verbrannt, die Aufständischen in den Niederlanden mit Krieg überzogen. Der einsame, alternde Mann wird schlussendlich zur tragischen Figur – unterdrückt vom Diktat der Inquisition.

In Verdis (1813 – 1901) Entwicklung spielt DON CARLO die Rolle der großen Drehscheibe zwischen dem früheren Melodrama der 1850er Jahre und den beiden Shakespeare-Opern der letzten Lebensjahre. Das große Schillersche Drama der Aufklärung, der Appell an Gedankenfreiheit und menschliche Solidarität in einem erstarrten religiösen und politischen Machtgefüge war der Hebel, um die Bühne freizumachen für ein umfassenderes musikalisches Theater der echten Menschen.

 

Aufführungsdauer ca. 190 Minuten, eine Pause

Info

Das düstere Vermächtnis seines despotischen Vaters Karl V. lastet schwer auf den Schultern Philipp II. Aus seinem Schatten heraus regiert er als König unfrei und zerstört nicht nur das Lebensglück seines Sohnes Carlo: Aus Staatsraison nimmt er dessen Verlobte Elisabeth zu seiner Frau. Mit der gleichen rigorosen Machtpolitik unterdrückt er auch alle Andersgläubigen: Die Protestanten werden als Ketzer verbrannt, die Aufständischen in den Niederlanden mit Krieg überzogen. Der einsame, alternde Mann wird schlussendlich zur tragischen Figur – unterdrückt vom Diktat der Inquisition.

In Verdis (1813 – 1901) Entwicklung spielt DON CARLO die Rolle der großen Drehscheibe zwischen dem früheren Melodrama der 1850er Jahre und den beiden Shakespeare-Opern der letzten Lebensjahre. Das große Schillersche Drama der Aufklärung, der Appell an Gedankenfreiheit und menschliche Solidarität in einem erstarrten religiösen und politischen Machtgefüge war der Hebel, um die Bühne freizumachen für ein umfassenderes musikalisches Theater der echten Menschen.

 

Aufführungsdauer ca. 190 Minuten, eine Pause

Leitung

Musikalische Leitung Golo Berg

Inszenierung Ulrich Peters

Bühne Rifail Ajdarpasic

Kostüme Ariane Isabell Unfried

Choreinstudierung Inna Batyuk

Dramaturgie Ronny Scholz


Besetzung

König Filippo II. Stephan Klemm

Don Carlo, Infant von Spanien Garrie Davislim

Rodrigo Marquis von Posa Filippo Bettoschi

Der Großinquisitor Christoph Stegemann

Elisabetta von Valois Kristi Anna Isene

Prinzessin Eboli Monika Walerowicz

Gräfin d'Aremberg (Tebaldo) Kathrin Filip

Der Graf von Lerma Youn-Seong Shim

Opernchor des Theaters Münster

Extrachor des Theaters Münster

Sinfonieorchester Münster

Besetzung

Leitung

Musikalische Leitung Golo Berg

Inszenierung Ulrich Peters

Bühne Rifail Ajdarpasic

Kostüme Ariane Isabell Unfried

Choreinstudierung Inna Batyuk

Dramaturgie Ronny Scholz


Besetzung

König Filippo II. Stephan Klemm

Don Carlo, Infant von Spanien Garrie Davislim

Rodrigo Marquis von Posa Filippo Bettoschi

Der Großinquisitor Christoph Stegemann

Elisabetta von Valois Kristi Anna Isene

Prinzessin Eboli Monika Walerowicz

Gräfin d'Aremberg (Tebaldo) Kathrin Filip

Der Graf von Lerma Youn-Seong Shim

Opernchor des Theaters Münster

Extrachor des Theaters Münster

Sinfonieorchester Münster


Abgesang auf einen Mächtigen

[...] Als der neue Generalmusikdirektor Golo Berg zu Beginn im dunklen Orchestergraben den Taktstock hob, erklang zunächst gar nicht Verdi: Glockenklänge leiteten den fernen Chorgesang eines Requiems ein. Geschrieben hat es der russisch-deutsche Komponist Alfred Schnittke einst als Schauspielmusik für Schillers » Don Karlos«, und in Münster verklammerte und verwob das Duo Peters/Berg die Oper mit Elementen dieser Totenmesse. »Don Carlo. Ein Requiem« ist der Abend folglich betitelt – als Abgesang des scheinbar allmächtigen spanischen Königs Philipp II. auf seine Ideale und die geliebten Menschen, die er opfert. Am Ende steht sein kirchlicher Gegenspieler, der finstere Großinquisitor, in herrischer Geste am Grabhügel des Bühnenbildes.

Es ist ein Experiment, das weitgehend stimmig wirkt und mit dem das Haus zudem einen Gegenentwurf zur legendären »Don Carlo«-Produktion von Humburg und Hilsdorf bietet, die so fest im kollektiven Gedächtnis des münsterschen Opernpublikums sitzt. An einer Stelle jedoch, nämlich nach dem Autodafé-Bild des zweiten Akts, dämpft Schnittkes Musik die Finalwirkung Verdis erheblich. Ansonsten sind die Passagen des Requiems als innere und äußere Stimmen, die den König bedrängen, passend eingefügt.

Das fantastische Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic erweist sich ebenfalls für diese große Chorszene als schwierig: Der geheimnisvolle Einheitsraum, dessen wuchtige Türen sich gefängnisgleich schließen können und dessen Lichtschächte ein wenig an das grandiose Skulpturprojekt in der Eissporthalle erinnern, engt diese Szene merklich ein. Regisseur Ulrich Peters reagiert darauf, indem er Chor und Sänger fast wie für eine konzertante Darbietung positioniert. Ohnehin führt der bekennende Sänger-Fan Peters die Darsteller so, dass sie immer optimal zum Dirigenten und zum Publikum stehen.

Sie danken es ihm mit durchweg erfreulichen Leistungen. So ist Stephan Klemm als König von Spanien, der die Geliebte seines Sohnes geheiratet hat und den Freiheitskämpfer Rodrigo bewundert, nicht nur szenisch Zentrum der Aufführung: Mit samtener Bass-Fülle und feiner Dynamik zeichnet er ein bewegendes Porträt des zweifelnden Machtmenschen. Christoph Stegemann ist mit schlankerem Klang (und ebensolcher Statur) der ideale Gegenspieler.

Der Titelheld dieser Oper hat, zumal in der auch hier gewählten vier-aktigen Version, das Problem, viel singen zu müssen, aber nicht die effektvollsten Nummern zu bekommen (die gehören eher den tiefen Stimmen): Garrie Davislim als neuer Tenor des Hauses macht aus dieser Not eine Tugend und musiziert, auch im Zusammenspiel mit Sopran-Partnerin Kristi-Anna Isene, mit seiner homogen durchgebildeten Stimme variantenreich, ohne zu protzen. Isene singt vor allem die große Arie der Elisabeth sehr bewegend, und es war in der Premiere generell eine Freude zu hören, wie sorgsam Dirigent Golo Berg mit den Möglichkeiten umging, das Verdi-Orchester blitzen und donnern zu lassen: Die Sänger mussten nie dagegen ankämpfen. Eine gute Voraussetzung auch für Bariton Filippo Bettoschi als Rodrigo, der stets mit so großem Engagement spielt und singt, dass man Gefahren für die Stimme ahnt. Monika Walerowicz als Eboli brillierte noch am meisten mit flammenden Spitzentönen, für die es prompt Jubel gab (»O don fatale«).

Ein Hingucker sind die farblich sprechenden Kostüme von Ariane Isabell Unfried und, mehr noch, manche Frisuren: Die Haartracht der Hofdamen scheint wild aus dem strengen Hofzeremoniell auszubrechen, und die weiße Mähne des Großinquisitors lässt ihn wie einen Todesengel daherkommen.

Sollten die Buhs also nicht der Szene, sondern dem Experiment Verdi/Schnittke gegolten haben, so muss auch Dirigent Golo Berg daran teilhaben, der zunächst Beifall erntete und sich später gemeinsam mit Ulrich Peters zeigte. In einem Punkt jedoch herrschte komplette Übereinstimmung: Der von Inna Batyuk einstudierte Chor machte seine Sache gerade in der Requiem-Musik fabelhaft.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 8. Oktober 2017
 
 
»Herbst-König« – DON CARLO.EIN REQUIEM – Bedeutsame Premiere der Verdi-Oper im Theater Münster

Herbstlaub lässt König Philipp II. von Spanien am Ende auf die fallen, die er überleben musste, um selbst im Herbst seines Lebens stehend den eigenen Zerfall noch ein wenig aufhalten zu können. Dem neben ihm stehenden Großinquisitor bleibt allein seine nicht von Gott, sondern vielmehr nur durch machtgierige Menschen gegebene Allmacht, die doch nur Ohnmacht so gleich kommt. Und mit einem großartigen Satz von Alfred Schnittkes REQUIEM endet diese finale Szene in Verdis DON CARLO musikalisch fesselnd und auf beeindruckende Art überwältigend. Das Theater Münster hat mit der Zusammenfügung von Verdis DON CARLO und Schnittkes REQUIEM ein künstlerisches Wagnis vollzogen. Und es wurde ein bedeutsamer Opernabend. Es wurde DON CARLO.EIN REQUIEM.

[...] Das Peters diese Momente der scheinbaren majestätischen Macht mit Stücken aus Schnittkes genialem REQUIEM musikalisch unterlegt, nein vielmehr im tieferen Sinne deutet, macht diese Münsteraner Premiere zu etwas besonderem. Er hat Verdis DON CARLO nichts genommen, er hat ihm eigentlich nur etwas gegeben. Auch wenn es ein Teil des Publikums nicht so gesehen und erlebt hat. Vielleicht sollte ein weiterer Besuch dieser Inszenierung Anlass dazu sein Fragen und Zweifel zu beantworten und auszuräumen.

Das Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic in dominierenden Holz- und Erdtönen, Farben der dritten Jahreszeit und viel Raum und Möglichkeiten für Auftritte und Abgänge, vermittelt die düstere Grundstimmung in diesem Drama auf anschauliche Art. Die dazu gestalteten Kostüme von Ariane Isabell Unfried passten sich, nicht nur im historischen Kontext, der Idee der, bei näherer Betrachtung, sicher nicht konventionellen Inszenierung kongenial an. Zwar waren an einigen Stellen die Bewegungsabläufe der Protagonisten ein wenig hektisch wirkend, wo sie an anderer Stelle vielleicht als eher zu passiv, ja statisch, zu sehen waren. Aber dies sei auch einer allgemeinen Premierensituation geschuldet, die in erster Linie den Solisten eine Menge abverlangt.

Musikalisch zeigte sich das Theater Münster von einem beachtlichen Niveau.
Opernchor und Extrachor des Theater Münster waren nicht allein schon durch Verdis Partitur sehr gefordert, vielmehr konnte die hohe Qualität des Chores noch durch die Auszüge aus Schnittkes REQUIEM überdeutlich belegt werden. Inna Batyuk, verantwortlich für den Chor und seine Einstudierung, darf sehr zufrieden mit sich und ihren Damen und Herren vom Münsteraner Chor auf diese Leistung schauen. Viel Applaus und Bravorufe vom Publikum waren der verdiente Lohn.

Youn-Seong Shim als Graf Lerma und Kathrin Filip als Gräfin d’Aremberg/Tebaldo, als auch Christoph Stegemann, in der Partie des Großinquisitors, fügten sich in ein insgesamt beachtliches Verdiensemble ihren Rollen gemäß adäquat ein.

Filippo Bettoschi sang einen klangschönen Rodrigo (Marquis Posa) und hatte sicher seinen größten Moment in »Posas Tod« im vorletzten Bild. Hier liess der italienische Bariton seiner Stimme dann auch freien Lauf und machte dies zu einem der besonderen Höhepunkte der Aufführung. Monika Walerowicz als Prinzessin Eboli gestalte diese besondere Mezzosopranrolle mit all ihrem Können und ihrer Erfahrung. Für ihre Interpretation der bekannten Arie »O don fatale« erntete sie Bravorufe vom Premierenpublikum und wurde auch am Ende der Oper begeistert gefeiert.

Kristi-Anna Isene als unglückliche Elisabeth von Valois, verlieh dieser sehr anspruchsvollen Sopranpartie anrührende Augenblicke und dramatische Höhepunkte. Ihre Arie im letzten Akt der Oper »Tu che le vanità (conoscesti del mondo)«, immer auch eine besondere Herausforderung nach fast 4 Stunden Oper, gestaltete sie ergreifend schön und überzeugend.

Den Infanten von Spanien, Don Carlos, sang in Münster Garrie Davislim mit heldentenoralen Tönen und Durchsetzungsfähigkeit in der Stimme. Er sang ihn kraftvoll, aber dabei auch voller Gefühl und war gesanglich besonders präsent in den Duetten mit Marquis Posa und im zweiten Akt, als er sich gegen seinen Vater, den König, stellt.

Stephan Klemm ist ein großartiger Philipp II.. Klemm gestaltete diese Basspartie zum ersten Mal auf der Bühne und es ist ihm gelungen, ein sowohl musikalisch, wie auch darstellerisch, höchst bemerkenswertes Debüt geschafft zu haben. Seine Momente waren jeweils Höhepunkte des Abends. Den Glanzpunkt setzte er mit seiner hinreißend gesungenen Arie »Ella giammai m’amò !«.

Das Sinfonieorchester Münster konnte und durfte, ähnlich dem Chor, seine große Qualität als Klangkörper dank Verdis Partitur und Schnittkes Requiem-Auszügen unter Beweis stellen und wurde für seine besondere Leistung vom Publikum gefeiert. Dirigent und musikalische Leiter des Abends, Münsters GMD Golo Berg, forderte sein Orchester mit großem Erfolg zu zarten, zu beseelten, aber auch dramatischen Momenten und Ausbrüchen heraus und stellte seine große musikalische Beziehung zu Verdi (Berg hat bisher 12 Verdiopern dirigiert) eindrucksvoll unter Beweis.

Fazit: Ein wahrlich bemerkenswerter Opernabend von großer musikalischer Eindringlichkeit. Verdis Partitur unter Hinzufügung von Auszügen aus Schnittkes REQUIEM mag für manche Opernfans gewöhnungsbedürftig sein. Ihnen aber sei die Offenheit zu wünschen, diesen Münsteraner DON CARLO, der ein DON CARLO.EIN REQUIEM ist, in all seiner musikalischen Größe auf- und anzunehmen.

Detlef Obens, opernmagazin.de, 8. Oktober 2017

Presse

Abgesang auf einen Mächtigen

[...] Als der neue Generalmusikdirektor Golo Berg zu Beginn im dunklen Orchestergraben den Taktstock hob, erklang zunächst gar nicht Verdi: Glockenklänge leiteten den fernen Chorgesang eines Requiems ein. Geschrieben hat es der russisch-deutsche Komponist Alfred Schnittke einst als Schauspielmusik für Schillers » Don Karlos«, und in Münster verklammerte und verwob das Duo Peters/Berg die Oper mit Elementen dieser Totenmesse. »Don Carlo. Ein Requiem« ist der Abend folglich betitelt – als Abgesang des scheinbar allmächtigen spanischen Königs Philipp II. auf seine Ideale und die geliebten Menschen, die er opfert. Am Ende steht sein kirchlicher Gegenspieler, der finstere Großinquisitor, in herrischer Geste am Grabhügel des Bühnenbildes.

Es ist ein Experiment, das weitgehend stimmig wirkt und mit dem das Haus zudem einen Gegenentwurf zur legendären »Don Carlo«-Produktion von Humburg und Hilsdorf bietet, die so fest im kollektiven Gedächtnis des münsterschen Opernpublikums sitzt. An einer Stelle jedoch, nämlich nach dem Autodafé-Bild des zweiten Akts, dämpft Schnittkes Musik die Finalwirkung Verdis erheblich. Ansonsten sind die Passagen des Requiems als innere und äußere Stimmen, die den König bedrängen, passend eingefügt.

Das fantastische Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic erweist sich ebenfalls für diese große Chorszene als schwierig: Der geheimnisvolle Einheitsraum, dessen wuchtige Türen sich gefängnisgleich schließen können und dessen Lichtschächte ein wenig an das grandiose Skulpturprojekt in der Eissporthalle erinnern, engt diese Szene merklich ein. Regisseur Ulrich Peters reagiert darauf, indem er Chor und Sänger fast wie für eine konzertante Darbietung positioniert. Ohnehin führt der bekennende Sänger-Fan Peters die Darsteller so, dass sie immer optimal zum Dirigenten und zum Publikum stehen.

Sie danken es ihm mit durchweg erfreulichen Leistungen. So ist Stephan Klemm als König von Spanien, der die Geliebte seines Sohnes geheiratet hat und den Freiheitskämpfer Rodrigo bewundert, nicht nur szenisch Zentrum der Aufführung: Mit samtener Bass-Fülle und feiner Dynamik zeichnet er ein bewegendes Porträt des zweifelnden Machtmenschen. Christoph Stegemann ist mit schlankerem Klang (und ebensolcher Statur) der ideale Gegenspieler.

Der Titelheld dieser Oper hat, zumal in der auch hier gewählten vier-aktigen Version, das Problem, viel singen zu müssen, aber nicht die effektvollsten Nummern zu bekommen (die gehören eher den tiefen Stimmen): Garrie Davislim als neuer Tenor des Hauses macht aus dieser Not eine Tugend und musiziert, auch im Zusammenspiel mit Sopran-Partnerin Kristi-Anna Isene, mit seiner homogen durchgebildeten Stimme variantenreich, ohne zu protzen. Isene singt vor allem die große Arie der Elisabeth sehr bewegend, und es war in der Premiere generell eine Freude zu hören, wie sorgsam Dirigent Golo Berg mit den Möglichkeiten umging, das Verdi-Orchester blitzen und donnern zu lassen: Die Sänger mussten nie dagegen ankämpfen. Eine gute Voraussetzung auch für Bariton Filippo Bettoschi als Rodrigo, der stets mit so großem Engagement spielt und singt, dass man Gefahren für die Stimme ahnt. Monika Walerowicz als Eboli brillierte noch am meisten mit flammenden Spitzentönen, für die es prompt Jubel gab (»O don fatale«).

Ein Hingucker sind die farblich sprechenden Kostüme von Ariane Isabell Unfried und, mehr noch, manche Frisuren: Die Haartracht der Hofdamen scheint wild aus dem strengen Hofzeremoniell auszubrechen, und die weiße Mähne des Großinquisitors lässt ihn wie einen Todesengel daherkommen.

Sollten die Buhs also nicht der Szene, sondern dem Experiment Verdi/Schnittke gegolten haben, so muss auch Dirigent Golo Berg daran teilhaben, der zunächst Beifall erntete und sich später gemeinsam mit Ulrich Peters zeigte. In einem Punkt jedoch herrschte komplette Übereinstimmung: Der von Inna Batyuk einstudierte Chor machte seine Sache gerade in der Requiem-Musik fabelhaft.

Harald Suerland, Westfälische Nachrichten, 8. Oktober 2017
 
 
»Herbst-König« – DON CARLO.EIN REQUIEM – Bedeutsame Premiere der Verdi-Oper im Theater Münster

Herbstlaub lässt König Philipp II. von Spanien am Ende auf die fallen, die er überleben musste, um selbst im Herbst seines Lebens stehend den eigenen Zerfall noch ein wenig aufhalten zu können. Dem neben ihm stehenden Großinquisitor bleibt allein seine nicht von Gott, sondern vielmehr nur durch machtgierige Menschen gegebene Allmacht, die doch nur Ohnmacht so gleich kommt. Und mit einem großartigen Satz von Alfred Schnittkes REQUIEM endet diese finale Szene in Verdis DON CARLO musikalisch fesselnd und auf beeindruckende Art überwältigend. Das Theater Münster hat mit der Zusammenfügung von Verdis DON CARLO und Schnittkes REQUIEM ein künstlerisches Wagnis vollzogen. Und es wurde ein bedeutsamer Opernabend. Es wurde DON CARLO.EIN REQUIEM.

[...] Das Peters diese Momente der scheinbaren majestätischen Macht mit Stücken aus Schnittkes genialem REQUIEM musikalisch unterlegt, nein vielmehr im tieferen Sinne deutet, macht diese Münsteraner Premiere zu etwas besonderem. Er hat Verdis DON CARLO nichts genommen, er hat ihm eigentlich nur etwas gegeben. Auch wenn es ein Teil des Publikums nicht so gesehen und erlebt hat. Vielleicht sollte ein weiterer Besuch dieser Inszenierung Anlass dazu sein Fragen und Zweifel zu beantworten und auszuräumen.

Das Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic in dominierenden Holz- und Erdtönen, Farben der dritten Jahreszeit und viel Raum und Möglichkeiten für Auftritte und Abgänge, vermittelt die düstere Grundstimmung in diesem Drama auf anschauliche Art. Die dazu gestalteten Kostüme von Ariane Isabell Unfried passten sich, nicht nur im historischen Kontext, der Idee der, bei näherer Betrachtung, sicher nicht konventionellen Inszenierung kongenial an. Zwar waren an einigen Stellen die Bewegungsabläufe der Protagonisten ein wenig hektisch wirkend, wo sie an anderer Stelle vielleicht als eher zu passiv, ja statisch, zu sehen waren. Aber dies sei auch einer allgemeinen Premierensituation geschuldet, die in erster Linie den Solisten eine Menge abverlangt.

Musikalisch zeigte sich das Theater Münster von einem beachtlichen Niveau.
Opernchor und Extrachor des Theater Münster waren nicht allein schon durch Verdis Partitur sehr gefordert, vielmehr konnte die hohe Qualität des Chores noch durch die Auszüge aus Schnittkes REQUIEM überdeutlich belegt werden. Inna Batyuk, verantwortlich für den Chor und seine Einstudierung, darf sehr zufrieden mit sich und ihren Damen und Herren vom Münsteraner Chor auf diese Leistung schauen. Viel Applaus und Bravorufe vom Publikum waren der verdiente Lohn.

Youn-Seong Shim als Graf Lerma und Kathrin Filip als Gräfin d’Aremberg/Tebaldo, als auch Christoph Stegemann, in der Partie des Großinquisitors, fügten sich in ein insgesamt beachtliches Verdiensemble ihren Rollen gemäß adäquat ein.

Filippo Bettoschi sang einen klangschönen Rodrigo (Marquis Posa) und hatte sicher seinen größten Moment in »Posas Tod« im vorletzten Bild. Hier liess der italienische Bariton seiner Stimme dann auch freien Lauf und machte dies zu einem der besonderen Höhepunkte der Aufführung. Monika Walerowicz als Prinzessin Eboli gestalte diese besondere Mezzosopranrolle mit all ihrem Können und ihrer Erfahrung. Für ihre Interpretation der bekannten Arie »O don fatale« erntete sie Bravorufe vom Premierenpublikum und wurde auch am Ende der Oper begeistert gefeiert.

Kristi-Anna Isene als unglückliche Elisabeth von Valois, verlieh dieser sehr anspruchsvollen Sopranpartie anrührende Augenblicke und dramatische Höhepunkte. Ihre Arie im letzten Akt der Oper »Tu che le vanità (conoscesti del mondo)«, immer auch eine besondere Herausforderung nach fast 4 Stunden Oper, gestaltete sie ergreifend schön und überzeugend.

Den Infanten von Spanien, Don Carlos, sang in Münster Garrie Davislim mit heldentenoralen Tönen und Durchsetzungsfähigkeit in der Stimme. Er sang ihn kraftvoll, aber dabei auch voller Gefühl und war gesanglich besonders präsent in den Duetten mit Marquis Posa und im zweiten Akt, als er sich gegen seinen Vater, den König, stellt.

Stephan Klemm ist ein großartiger Philipp II.. Klemm gestaltete diese Basspartie zum ersten Mal auf der Bühne und es ist ihm gelungen, ein sowohl musikalisch, wie auch darstellerisch, höchst bemerkenswertes Debüt geschafft zu haben. Seine Momente waren jeweils Höhepunkte des Abends. Den Glanzpunkt setzte er mit seiner hinreißend gesungenen Arie »Ella giammai m’amò !«.

Das Sinfonieorchester Münster konnte und durfte, ähnlich dem Chor, seine große Qualität als Klangkörper dank Verdis Partitur und Schnittkes Requiem-Auszügen unter Beweis stellen und wurde für seine besondere Leistung vom Publikum gefeiert. Dirigent und musikalische Leiter des Abends, Münsters GMD Golo Berg, forderte sein Orchester mit großem Erfolg zu zarten, zu beseelten, aber auch dramatischen Momenten und Ausbrüchen heraus und stellte seine große musikalische Beziehung zu Verdi (Berg hat bisher 12 Verdiopern dirigiert) eindrucksvoll unter Beweis.

Fazit: Ein wahrlich bemerkenswerter Opernabend von großer musikalischer Eindringlichkeit. Verdis Partitur unter Hinzufügung von Auszügen aus Schnittkes REQUIEM mag für manche Opernfans gewöhnungsbedürftig sein. Ihnen aber sei die Offenheit zu wünschen, diesen Münsteraner DON CARLO, der ein DON CARLO.EIN REQUIEM ist, in all seiner musikalischen Größe auf- und anzunehmen.

Detlef Obens, opernmagazin.de, 8. Oktober 2017

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