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DIE FREMDEN / DER KAUFMANN VON VENEDIG

Schauspiel von William Shakespeare

  • Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann, Zainab Alsawah <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Zainab Alsawah
    © Oliver Berg
  • Christian Bo Salle, Bálint Tóth, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Christian Bo Salle, Bálint Tóth, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Carola von Seckendorff, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Carola von Seckendorff, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Zainab Alsawah, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Ilja Harjes <br />© Oliver Berg
    Zainab Alsawah, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Ilja Harjes
    © Oliver Berg
  • Zainab Alsawah, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Zainab Alsawah, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Christian Bo Salle, Natalja Joselewitsch, Sandra Bezler, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Christian Bo Salle, Natalja Joselewitsch, Sandra Bezler, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Garry Fischmann, Zainab Alsawah <br />© Oliver Berg
    Garry Fischmann, Zainab Alsawah
    © Oliver Berg
  • Carola von Seckendorff, Sandra Bezler, Bálint Tóth <br />© Oliver Berg
    Carola von Seckendorff, Sandra Bezler, Bálint Tóth
    © Oliver Berg
  • Natalja Joselewitsch, Ilja Harjes <br />© Oliver Berg
    Natalja Joselewitsch, Ilja Harjes
    © Oliver Berg
  • Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke <br />© Oliver Berg
    Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke
    © Oliver Berg
  • Sandra Bezler, Natalja Joselewitsch <br />© Oliver Berg
    Sandra Bezler, Natalja Joselewitsch
    © Oliver Berg

»Die Bosheit, die ihr mich lehrt, will ich ausüben, und es muss schlimm zugehen, wenn ich meine Lehrer nicht überträfe.«

Fr, 24. November 2017
19.30 Uhr · Großes Haus · Preise B
Freitag 2 Abo Gr. Haus

19.00 Einführung im Foyer Gr. Haus

Ein böser Jude auf der Bühne? Zu Shakespeares Zeiten war das populär, heute muss man sich fragen, ob das antisemitisch ist. Besonders in Deutschland stellt die Figur des Juden Shylock für jede Inszenierung nach wie vor eine Herausforderung dar. DER KAUFMANN VON VENEDIG (1596) gilt nicht umsonst als Shakespeares politischste und geheimnisvollste Komödie.

Spielort ist Venedig, eine Welt des Wohlstands und Überflusses. Hier werden große Geschäfte gemacht und das Geld borgt man sich gern bei den Juden, die man ansonsten verachtet und verspottet. Bassanio will um die schöne Porcia werben, doch fehlt ihm das nötige Geld. Er wendet sich an seinen Freund Antonio. Aus Liebe zu Bassanio lässt sich dieser zu einem riskanten Handel mit Shylock ein. Sollte Antonio den Kredit, den ihm Shylock gewährt, nicht rechtzeitig zurückzahlen, fordert dieser das berüchtigte Pfund Fleisch, geschnitten vom Herzen Antonios. Bassanio gewinnt seine Porcia, doch Antonio gerät in Zahlungsnot und Shylock pocht gnadenlos auf sein Recht …

Das London der Renaissancezeit ist kaum mit unserer heutigen Zeit zu vergleichen, doch die archaischen Konflikte zwischen den Kulturen und Religionen, die Frage, wie eine Gesellschaft mit Minderheiten umgeht, oder die Angst vor DEM FREMDEN sind im 21. Jahrhundert noch genauso ungelöst. 

Es war eine Sensation, als vor wenigen Jahren die einzig überlieferte literarische Handschrift – eine Szene – von William Shakespeare gefunden wurde. Inzwischen ist diese Szene mit dem Titel DIE FREMDEN überschrieben. Am Theater Münster wird diese Szene Shakespeares erstmals in eine Inszenierung des KAUFMANNS VON VENEDIG eingebettet. Die Verschränkung dieser beiden Theatertexte stellt die Bedeutung von humanistischen Werten in einer Gesellschaft klar in den Mittelpunkt. Nicht zuletzt durch den Inhalt und die Geschichte, die mit dieser Szene verbunden sind: Sie ist Teil eines um 1600 entstandenen und, durch die damalige Zensur verhindert, bisher unaufgeführten Theaterstücks Shakespeares und - zur damaligen Zeit üblich – anderer Autoren. DIE FREMDEN enthält eine eindrucksvolle Rede von Thomas Morus an die Londoner Bevölkerung, mit der er einen gewalttätigen Aufstand  gegen Fremde und Flüchtlinge verhindern will. Sinnstiftend für die Verknüpfung dieser Szene Shakespeares mit dem KAUFMANN VON VENEDIG ist nicht nur die brennende Aktualität dieser Thematik, sondern auch die Ermahnung zu Menschlichkeit und Mitgefühl durch ein 400 Jahre altes Textfragment, das auch im Jahr 2017 nichts an Brisanz und Relevanz verloren hat.

 

Aufführungsdauer ca. 165 Minuten, eine Pause

Info

Ein böser Jude auf der Bühne? Zu Shakespeares Zeiten war das populär, heute muss man sich fragen, ob das antisemitisch ist. Besonders in Deutschland stellt die Figur des Juden Shylock für jede Inszenierung nach wie vor eine Herausforderung dar. DER KAUFMANN VON VENEDIG (1596) gilt nicht umsonst als Shakespeares politischste und geheimnisvollste Komödie.

Spielort ist Venedig, eine Welt des Wohlstands und Überflusses. Hier werden große Geschäfte gemacht und das Geld borgt man sich gern bei den Juden, die man ansonsten verachtet und verspottet. Bassanio will um die schöne Porcia werben, doch fehlt ihm das nötige Geld. Er wendet sich an seinen Freund Antonio. Aus Liebe zu Bassanio lässt sich dieser zu einem riskanten Handel mit Shylock ein. Sollte Antonio den Kredit, den ihm Shylock gewährt, nicht rechtzeitig zurückzahlen, fordert dieser das berüchtigte Pfund Fleisch, geschnitten vom Herzen Antonios. Bassanio gewinnt seine Porcia, doch Antonio gerät in Zahlungsnot und Shylock pocht gnadenlos auf sein Recht …

Das London der Renaissancezeit ist kaum mit unserer heutigen Zeit zu vergleichen, doch die archaischen Konflikte zwischen den Kulturen und Religionen, die Frage, wie eine Gesellschaft mit Minderheiten umgeht, oder die Angst vor DEM FREMDEN sind im 21. Jahrhundert noch genauso ungelöst. 

Es war eine Sensation, als vor wenigen Jahren die einzig überlieferte literarische Handschrift – eine Szene – von William Shakespeare gefunden wurde. Inzwischen ist diese Szene mit dem Titel DIE FREMDEN überschrieben. Am Theater Münster wird diese Szene Shakespeares erstmals in eine Inszenierung des KAUFMANNS VON VENEDIG eingebettet. Die Verschränkung dieser beiden Theatertexte stellt die Bedeutung von humanistischen Werten in einer Gesellschaft klar in den Mittelpunkt. Nicht zuletzt durch den Inhalt und die Geschichte, die mit dieser Szene verbunden sind: Sie ist Teil eines um 1600 entstandenen und, durch die damalige Zensur verhindert, bisher unaufgeführten Theaterstücks Shakespeares und - zur damaligen Zeit üblich – anderer Autoren. DIE FREMDEN enthält eine eindrucksvolle Rede von Thomas Morus an die Londoner Bevölkerung, mit der er einen gewalttätigen Aufstand  gegen Fremde und Flüchtlinge verhindern will. Sinnstiftend für die Verknüpfung dieser Szene Shakespeares mit dem KAUFMANN VON VENEDIG ist nicht nur die brennende Aktualität dieser Thematik, sondern auch die Ermahnung zu Menschlichkeit und Mitgefühl durch ein 400 Jahre altes Textfragment, das auch im Jahr 2017 nichts an Brisanz und Relevanz verloren hat.

 

Aufführungsdauer ca. 165 Minuten, eine Pause

Leitung

Inszenierung Stefan Otteni

Bühnenbild Peter Scior

Kostüme Sonja Albartus

Dramaturgie Barbara Bily


Besetzung

Doge von Venedig Carola von Seckendorff

Antonio Christian Bo Salle

Bassanio Bálint Tóth

Gratiano Ilja Harjes

Lorenzo Garry Fischmann

Shylock Christoph Rinke

Porcia Sandra Bezler

Nerissa Natalja Joselewitsch

Jessica Zainab Alsawah

Besetzung

Leitung

Inszenierung Stefan Otteni

Bühnenbild Peter Scior

Kostüme Sonja Albartus

Dramaturgie Barbara Bily


Besetzung

Doge von Venedig Carola von Seckendorff

Antonio Christian Bo Salle

Bassanio Bálint Tóth

Gratiano Ilja Harjes

Lorenzo Garry Fischmann

Shylock Christoph Rinke

Porcia Sandra Bezler

Nerissa Natalja Joselewitsch

Jessica Zainab Alsawah


Ein Paradebeispiel für politisches Theater

"Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?" Dreimal erklingt diese Frage und mit ihr auch die anderen Fragen aus Shylocks berühmtem Monolog. Allerdings hält er ihn, wie von Shakespeare vorgesehen, nur ein einziges Mal. Zuvor ist es der Prinz von Marokko, einer der glücklosen Freier der umschwärmten Millionenerbin Portia, der sich Shylocks Worte zu eigen macht und voller Verzweiflung fragt: "Hat nicht ein Muslim Augen?" Im letzten Akt greift schließlich noch Nerissa, Portias Begleiterin, den Monolog auf und stellt ihn noch einmal in einen etwas anderen Kontext. Nun ist es eine Frau, die die Männer daran erinnert, dass alle Menschen sterben, wenn sie vergiftet werden.

[…] Als der Prinz von Marokko, der in Stefan Ottenis Inszenierung von der in Damaskus geborenen Schauspielerin Zainab Alsawah gespielt wird, auf Belmont um Portia wirbt und sich der von deren Vater auferlegten Kästchenprobe stellt, bekommen Portias sarkastische Kommentare schnell einen xenophoben Einschlag. Sie erträgt es nicht, dass Alsawah immer wieder Arabisch spricht.

Aber nicht nur die Erbin verliert in dieser Szene die Geduld. Auch aus dem Saal kommen sehr schnell erboste Zwischenrufe. Immer wieder wird Zainab Alsawah aufgefordert, Deutsch zu sprechen. Der einsetzende Tumult ist […] von Otteni inszeniert […]

Zum einen leitet Otteni mit den 'Zuschauerprotesten' geschickt über zu "Die Fremden", der von Shakespeare geschriebenen Szene eines um 1600 von mehreren Autoren verfassten Stücks mit dem Titel "Sir Thomas Morus", über. Zum anderen erinnern die aggressiven Ausbrüche an den Eklat in der Kölner Philharmonie. Im Februar 2016 hatte ein aufgebrachtes Publikum den Cembalisten Mahan Esfahani mit "Reden Sie gefälligst Deutsch"-Rufen attackiert, als er seine Einführung zu Steve Reichs "Piano Phase" auf Englisch vortrug.

Gerade dieser doppelte Bezugrahmen verwandelt diese Passage von Ottenis Inszenierung in eine kleine Sensation. Natürlich fügen sich "Die Fremden" perfekt in den überaus widersprüchlichen, von Brüchen gezeichneten "Kaufmann von Venedig" ein. […]

Das Zwischenspiel mit dem Prinzen von Marokko, das dann in dem Morus-Monolog gipfelt, ist ohne Frage ein Paradebeispiel dafür, wie politisches Theater heute aussehen und funktionieren kann. Aber der Rest der Inszenierung besticht durch eine bemerkenswerte gedankliche Klarheit und emotionale Tiefe.

[…] Der homosexuelle Antonio, dessen Liebe zu Bassanio niemals körperliche Erfüllung finden wird, ist bei Christian Bo Salle eher Shylocks Doppelgänger als sein Gegenspieler. Nicht zufällig verabschiedet er sich am Ende mit den gleichen Worten wie Shylock: "Mir ist nicht wohl." Und dieses Unwohlsein wird bleiben, bis er und alle anderen lernen, im Fremden sich selbst zu sehen.

Sascha Westphal, nachtkritik.de, 5. November 2017

 

Provokante Dekonstruktion

Eine digitale Küchenwaage und stylische Sushi-Messer hat Shylock zur Hand. Damit will er seinem säumigen Schuldner Antinio wie vereinbart ein Pfund Fleisch aus den Rippen schneiden. Mit seiner atavistischen Forderung fordert der Jude die seidenglatte Welt der Broker heraus. Vom Verdacht der Judenfeindlichkeit hat sich Shakespears »Kaufmann von Venedig« nie ganz überzeugend befreien können. Gerade Deutschland tut sich daher schwer mit einer Inszenierung des Stücks. Am Theater Münster probiert es Stefan Otteni jetzt mit einer provokanten Dekonstruktion. Er streicht, verändert, fügt hinzu, sodass die verstörenden Elemente der Tragikomödie größeres Gewicht erhalten.

Einen Teil der Nebenrollen hat der Regisseur gestrichen. Dafür hat er seinen verbliebenen Protagonisten die Personifikation der Liebe an die Seite gestellt. Sie flüstert ihnen Text ein, kommentiert ihre Handlungen, schiebt sie in Position.

Die Liebe, gespielt von Carola von Seckendorff, präsentiert außerdem die entscheidende Neufassung in Münster – der Einschub »Die Fremden«, einer Szene aus einem Arbeitsmanuskript von Shakespeare. Darin versucht Thomas Morus, einen Aufstand in London gegen Fremde und Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich zu verhindern. Die Rede des Humanisten bettet Otteni in einen inszenierten Eklat. Bei der Kästchenprobe lässt er den Prinzen von Marokko konsequent arabisch sprechen, bis gut platzierten Akteuren im Zuschauerraum scheinbar der Kragen platzt. Lauthals skandieren sie »Sprich deutsch«. Der Prinz – gespielt von einer Frau, Zainab Alswah – antwortet mich Bruchstücken aus dem Monolog des Shylock: »Warum verspottet ihr mich? Habe ich keine Hände, Gliedmaßen, Werzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften?« Seckendorff ermahnt die Aufgeregten mit den Worten von Morus: »Wonach ihr schreit, zerstört ihr gerade selbst.«

[…] Sandra Bezler ist eine bissige Portia, an den richtigen Stellen überdreht und in der Lage ist, Shakespeares Text modern atmen zu lassen.

Hinter distanzierten kaufmännischen Fassaden lassen Christian Bo Salle und Christoph Rinke den gegenseitigen Hass des Christen Antonio und des Juden Shylock spürbar werden. Nuanciert und überzeugend leiden beide an unerfüllter Liebe – Antonio zu seinem Freund Bassanio, Shylock zu seiner abtrünnigen Tochter Jessica. Und die ekelhafte Häme, mit der Shylock von Antonios Freunden überschüttet wird, machen seine Unbarmherzigkeit gegenüber dem Kaufmann mehr als verständlich.

Anke Schwarze, Westfälischer Anzeiger, 6. November 2017

Presse

Ein Paradebeispiel für politisches Theater

"Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?" Dreimal erklingt diese Frage und mit ihr auch die anderen Fragen aus Shylocks berühmtem Monolog. Allerdings hält er ihn, wie von Shakespeare vorgesehen, nur ein einziges Mal. Zuvor ist es der Prinz von Marokko, einer der glücklosen Freier der umschwärmten Millionenerbin Portia, der sich Shylocks Worte zu eigen macht und voller Verzweiflung fragt: "Hat nicht ein Muslim Augen?" Im letzten Akt greift schließlich noch Nerissa, Portias Begleiterin, den Monolog auf und stellt ihn noch einmal in einen etwas anderen Kontext. Nun ist es eine Frau, die die Männer daran erinnert, dass alle Menschen sterben, wenn sie vergiftet werden.

[…] Als der Prinz von Marokko, der in Stefan Ottenis Inszenierung von der in Damaskus geborenen Schauspielerin Zainab Alsawah gespielt wird, auf Belmont um Portia wirbt und sich der von deren Vater auferlegten Kästchenprobe stellt, bekommen Portias sarkastische Kommentare schnell einen xenophoben Einschlag. Sie erträgt es nicht, dass Alsawah immer wieder Arabisch spricht.

Aber nicht nur die Erbin verliert in dieser Szene die Geduld. Auch aus dem Saal kommen sehr schnell erboste Zwischenrufe. Immer wieder wird Zainab Alsawah aufgefordert, Deutsch zu sprechen. Der einsetzende Tumult ist […] von Otteni inszeniert […]

Zum einen leitet Otteni mit den 'Zuschauerprotesten' geschickt über zu "Die Fremden", der von Shakespeare geschriebenen Szene eines um 1600 von mehreren Autoren verfassten Stücks mit dem Titel "Sir Thomas Morus", über. Zum anderen erinnern die aggressiven Ausbrüche an den Eklat in der Kölner Philharmonie. Im Februar 2016 hatte ein aufgebrachtes Publikum den Cembalisten Mahan Esfahani mit "Reden Sie gefälligst Deutsch"-Rufen attackiert, als er seine Einführung zu Steve Reichs "Piano Phase" auf Englisch vortrug.

Gerade dieser doppelte Bezugrahmen verwandelt diese Passage von Ottenis Inszenierung in eine kleine Sensation. Natürlich fügen sich "Die Fremden" perfekt in den überaus widersprüchlichen, von Brüchen gezeichneten "Kaufmann von Venedig" ein. […]

Das Zwischenspiel mit dem Prinzen von Marokko, das dann in dem Morus-Monolog gipfelt, ist ohne Frage ein Paradebeispiel dafür, wie politisches Theater heute aussehen und funktionieren kann. Aber der Rest der Inszenierung besticht durch eine bemerkenswerte gedankliche Klarheit und emotionale Tiefe.

[…] Der homosexuelle Antonio, dessen Liebe zu Bassanio niemals körperliche Erfüllung finden wird, ist bei Christian Bo Salle eher Shylocks Doppelgänger als sein Gegenspieler. Nicht zufällig verabschiedet er sich am Ende mit den gleichen Worten wie Shylock: "Mir ist nicht wohl." Und dieses Unwohlsein wird bleiben, bis er und alle anderen lernen, im Fremden sich selbst zu sehen.

Sascha Westphal, nachtkritik.de, 5. November 2017

 

Provokante Dekonstruktion

Eine digitale Küchenwaage und stylische Sushi-Messer hat Shylock zur Hand. Damit will er seinem säumigen Schuldner Antinio wie vereinbart ein Pfund Fleisch aus den Rippen schneiden. Mit seiner atavistischen Forderung fordert der Jude die seidenglatte Welt der Broker heraus. Vom Verdacht der Judenfeindlichkeit hat sich Shakespears »Kaufmann von Venedig« nie ganz überzeugend befreien können. Gerade Deutschland tut sich daher schwer mit einer Inszenierung des Stücks. Am Theater Münster probiert es Stefan Otteni jetzt mit einer provokanten Dekonstruktion. Er streicht, verändert, fügt hinzu, sodass die verstörenden Elemente der Tragikomödie größeres Gewicht erhalten.

Einen Teil der Nebenrollen hat der Regisseur gestrichen. Dafür hat er seinen verbliebenen Protagonisten die Personifikation der Liebe an die Seite gestellt. Sie flüstert ihnen Text ein, kommentiert ihre Handlungen, schiebt sie in Position.

Die Liebe, gespielt von Carola von Seckendorff, präsentiert außerdem die entscheidende Neufassung in Münster – der Einschub »Die Fremden«, einer Szene aus einem Arbeitsmanuskript von Shakespeare. Darin versucht Thomas Morus, einen Aufstand in London gegen Fremde und Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich zu verhindern. Die Rede des Humanisten bettet Otteni in einen inszenierten Eklat. Bei der Kästchenprobe lässt er den Prinzen von Marokko konsequent arabisch sprechen, bis gut platzierten Akteuren im Zuschauerraum scheinbar der Kragen platzt. Lauthals skandieren sie »Sprich deutsch«. Der Prinz – gespielt von einer Frau, Zainab Alswah – antwortet mich Bruchstücken aus dem Monolog des Shylock: »Warum verspottet ihr mich? Habe ich keine Hände, Gliedmaßen, Werzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften?« Seckendorff ermahnt die Aufgeregten mit den Worten von Morus: »Wonach ihr schreit, zerstört ihr gerade selbst.«

[…] Sandra Bezler ist eine bissige Portia, an den richtigen Stellen überdreht und in der Lage ist, Shakespeares Text modern atmen zu lassen.

Hinter distanzierten kaufmännischen Fassaden lassen Christian Bo Salle und Christoph Rinke den gegenseitigen Hass des Christen Antonio und des Juden Shylock spürbar werden. Nuanciert und überzeugend leiden beide an unerfüllter Liebe – Antonio zu seinem Freund Bassanio, Shylock zu seiner abtrünnigen Tochter Jessica. Und die ekelhafte Häme, mit der Shylock von Antonios Freunden überschüttet wird, machen seine Unbarmherzigkeit gegenüber dem Kaufmann mehr als verständlich.

Anke Schwarze, Westfälischer Anzeiger, 6. November 2017


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