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ALCINA

Dramma per Musica von Georg Friedrich Händel

Tage der Barockmusik
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
  • Charlotte Quadt, Henrike Jacob, Filippo Bettoschi <br />© Oliver Berg
    Charlotte Quadt, Henrike Jacob, Filippo Bettoschi
    © Oliver Berg
  • Eva Bauchmüller, Youn-Seong Shim <br />© Oliver Berg
    Eva Bauchmüller, Youn-Seong Shim
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Lisa Wedekind, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Henrike Jacob, Lisa Wedekind, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Eva Bauchmüller, Charlotte Quadt <br />© Oliver Berg
    Eva Bauchmüller, Charlotte Quadt
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Lisa Wedekind, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Henrike Jacob, Lisa Wedekind, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob <br />© Oliver Berg
    Henrike Jacob
    © Oliver Berg
  • Youn-Seong Shim, Eva Bauchmüller <br />© Oliver Berg
    Youn-Seong Shim, Eva Bauchmüller
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob <br />© Oliver Berg
    Henrike Jacob
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Henrike Jacob, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Henrike Jacob, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Henrike Jacob, Statisterie <br />© Oliver Berg
    Henrike Jacob, Statisterie
    © Oliver Berg
  • Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Henrike Jacob, Charlotte Quadt <br />© Oliver Berg
    Lisa Wedekind, Youn-Seong Shim, Henrike Jacob, Charlotte Quadt
    © Oliver Berg

Magischer Zauber trifft auf menschliche Gefühle.

Premiere
Sa, 14. Januar 2017
19.30 Uhr · Großes Haus · Preise A
Premierenabo Gr. Haus

Herzliche Einladung zur Premierenfeier im Anschluss an die Vorstellung!

Weitere Termine

Leider keine weiteren Termine geplant.

Ruggiero ist in den Bann der Zauberin Alcina geraten. Mit ihrem Vertrauten Melisso befindet sich derweil Bradamante, als ihr eigener Bruder Ricciardo verkleidet, auf der Suche nach ihrem Bräutigam Ruggiero und wird in Alcinas Reich verschlagen. Eine Reise der Gefühle beginnt.

Händels (1685–1759) fantasievolles Spätwerk erzählt von der machtvollen Schwarzmagierin Alcina, die bislang nie wirklich geliebt hat, und ihre Liebhaber immer schnell entsorgte. Doch auf einmal ist alles anders. Sie entdeckt in sich neue Empfindungen für diesen Ruggiero. Die Zauberin wird zum Opfer menschlicher Gefühle, während der Held, obwohl er vielleicht glaubt, echte Liebe zu empfinden, in Wahrheit nur einem Zauber, einer Magie erlegen ist. Das strahlende Glück, das aus Alcinas erster Arie spricht, ist nicht von langer Dauer, denn das Meer hat plötzlich wahre menschliche Liebe (in Gestalt von Bradamante) an den Strand der Zauberinsel gespült und Alcinas emotionales Immunsystem so geschwächt, dass sie nun plötzlich für Zweifel und Eifersucht anfällig ist (Donna Leon). Die Welt der Zauberin bricht zusammen.

Durch Händels musikalischen Einfallsreichtum zählt ALCINA, 1735 mit spektakulärem Erfolg in London uraufgeführt, zu seinen wichtigsten Werken überhaupt.

Aufführungsdauer ca. 150 Minuten, eine Pause

Info

Ruggiero ist in den Bann der Zauberin Alcina geraten. Mit ihrem Vertrauten Melisso befindet sich derweil Bradamante, als ihr eigener Bruder Ricciardo verkleidet, auf der Suche nach ihrem Bräutigam Ruggiero und wird in Alcinas Reich verschlagen. Eine Reise der Gefühle beginnt.

Händels (1685–1759) fantasievolles Spätwerk erzählt von der machtvollen Schwarzmagierin Alcina, die bislang nie wirklich geliebt hat, und ihre Liebhaber immer schnell entsorgte. Doch auf einmal ist alles anders. Sie entdeckt in sich neue Empfindungen für diesen Ruggiero. Die Zauberin wird zum Opfer menschlicher Gefühle, während der Held, obwohl er vielleicht glaubt, echte Liebe zu empfinden, in Wahrheit nur einem Zauber, einer Magie erlegen ist. Das strahlende Glück, das aus Alcinas erster Arie spricht, ist nicht von langer Dauer, denn das Meer hat plötzlich wahre menschliche Liebe (in Gestalt von Bradamante) an den Strand der Zauberinsel gespült und Alcinas emotionales Immunsystem so geschwächt, dass sie nun plötzlich für Zweifel und Eifersucht anfällig ist (Donna Leon). Die Welt der Zauberin bricht zusammen.

Durch Händels musikalischen Einfallsreichtum zählt ALCINA, 1735 mit spektakulärem Erfolg in London uraufgeführt, zu seinen wichtigsten Werken überhaupt.

Aufführungsdauer ca. 150 Minuten, eine Pause

Leitung

Musikalische Leitung Attilio Cremonesi / Stefan Veselka

Inszenierung Sebastian Ritschel

Bühnenbild Markus Meyer

Kostüme Sebastian Ritschel

Dramaturgie Ronny Scholz


Besetzung

Alcina Henrike Jacob

Ruggiero Lisa Wedekind

Morgana Eva Bauchmüller

Bradamante Charlotte Quadt

Oronte Youn-Seong Shim

Melisso Filippo Bettoschi

Sinfonieorchester Münster

Besetzung

Leitung

Musikalische Leitung Attilio Cremonesi / Stefan Veselka

Inszenierung Sebastian Ritschel

Bühnenbild Markus Meyer

Kostüme Sebastian Ritschel

Dramaturgie Ronny Scholz


Besetzung

Alcina Henrike Jacob

Ruggiero Lisa Wedekind

Morgana Eva Bauchmüller

Bradamante Charlotte Quadt

Oronte Youn-Seong Shim

Melisso Filippo Bettoschi

Sinfonieorchester Münster


Das war ein wahrhaft »frostiger« Auftakt für die diesjährigen »Tage der Barockmusik«: Ums Große Haus des Theaters tanzten draußen Schneeflocken – und auch auf der Bühne zog eine erstarrte Winterwelt herauf. Markus Meyer malt sie mit unzähligen Grau- und Silbertönen, an denen man sich nicht satt sehen kann. Herrscherin über diese kalte Pracht ist Georg Friedrich Händels Zauberin ALCINA. Die hat es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre abgelegten Liebhaber zu verwandeln und in ihrem Reich festzuhalten. In Münster kommen sie als Zombies daher, die pelzmantelbewehrt dumpf stolpernd die Bühne bevölkern.

Aber letztlich wird Alcina doch von wirklicher Liebe erfüllt: zu Ruggiero. Ein Gefühl, das sie verwundbar macht. Zumal zu dessen Rettung seine als Mann verkleidete Geliebte Bradamante in Alcinas Welt eindringt, die zu zerbersten droht.

Regisseur Sebastian Ritschel stellt das Chaos der Gefühle, das sich der Zauberin angesichts dieser Situation bemächtigt, in den Mittelpunkt seiner Inszenierung. Er komponiert zwei sehr intensive Szenen. Dunkelrot färbt sich Alcinas Kleid, als sie erkennen muss, dass Ruggiero sie nicht liebt. Herabprasselnder Regen wäscht alle äußerlich-kühle Pracht ab und zurück bleibt eine Frau, die von ihren Emotionen völlig überwältigt wird. Henrike Jacob als Alcina füllt ihre Rolle perfekt aus. Klein und zierlich steht sie in der riesig wirkenden Landschaft, legt Liebe, Hoffnung, Zorn, Rachsucht und Bitterkeit in ihre Stimme. Bisweilen lässt sie sie gar brechen, endet in einem Schluchzer oder einem fast gesprochenen Wort. So wie sie in ihrer ausladenden Robe das Geschehen beherrscht, mag man sich eine Barockdiva zur Uraufführungszeit vorstellen, die um die Gunst des Publikums buhlt. Lisa Wedekind als Ruggiero wandelt schlafwandlerisch sicher über die Bühne – wie betäubt durch den Zauber Alcinas – und erwacht erst durch Bradamantes Liebe. Charlotte Quadt besticht durch die goldene Tiefe ihres Mezzos ebenso wie durch traumhafte Koloratursicherheit. Die kennzeichnet auch Eva Bauchmüllers stimmlich sehr bewegliche Morgana. Youn-Seong Shim als strahlkräftiger Oronte und Filippo Bettoschi komplettieren ein Solistensextett, das wieder einmal unter Beweis stellt: Das Musiktheater Münster kann Barock – und wie.

Es ist eine kurze ALCINA-Fassung, die Sebastian Ritschel und Attilio Cremonesi, musikalischer Leiter und »Artist in Residence« der »Tage der Barockmusik«, erarbeitet haben. Eine, die schnörkellos und vorwärtsdrängend die Handlung vorantreibt. Und genau das spiegelt sich im Orchestergraben wider. Cremonesi und das Sinfonieorchester lassen knackige, ja manchmal fast harsche Klänge ertönen, ohne auf gebotene Ruhemomente oder Innehalten zu verzichten. Dafür sorgen auch Cembalist Andrea Marchiol und Midori Goto mit einem wunderschönen Geigensolo. Ihr steht Shengzhi Guo am Cello in nichts nach. Inmitten der Eiseskälte entfaltete sich ein Feuerwerk der Emotionen und herzerwärmende Momente, die begeistert gefeiert wurden.

Thomas Hilgemeiner, Westfälische Nachrichten, 16. Januar 2017

 

Auf der Bühne tobt ein wilder Schneesturm, durch den sich Bradamante und Melisso kämpfen, bevor sie erschöpft vor drei verschlossenen Türen zusammenbrechen. Alcinas Reich ist scheinbar ein Eisberg mit der Zauberin als Eiskönigin. In einem großen weißen Raum mit einem von der Wand herabsteigenden Eisbär empfängt sie die beiden Neuankömmlinge und präsentiert ihnen ihre früheren Opfer, die unter Schneemassen im Zauberreich ergraut sind. Nur Ruggiero erfreut sich in einem dunkelblauen Pyjama noch frischer Jugend und räkelt sich in einem höher gelegenen Raum im Hintergrund vor einem Panorama von Eisbergen in einem weißen Bett. Ein auf der linken Seite in den Raum geschobenes Bühnenbild, das mit frischen grünen Farben eine blühende Landschaft in dieser Eiswüste vorgaukelt, gibt dem Zauberreich eine wärmere Nuance, während das aufgetischte Essen aus silbernen Früchten besteht. Mit dieser Kälte spielt Sebastian Ritschel in seiner Inszenierung konsequent und erzeugt eindrucksvolle Bilder.

Einen szenischen Höhepunkt stellt Alcinas große Arie »Ah! mio cor! schernito sei!« dar, in der sie erkennt, von Ruggiero verraten worden zu sein, und krampfhaft versucht, sich nicht ihrem Schmerz hinzugeben. Henrike Jakob trägt als Zauberin in dieser Szene ein ausladendes eisgraues Kleid, das sich auf beinahe magische Art während der Arie schwarz färbt. Zunächst erscheinen einzelne schwarze Spritzer auf dem grauen Kleid, die zeigen, dass die Eisfassade bröckelt. Dann rieselt zarter Regen aus dem Schnürboden herab, der das Kleid bis zum Ende der Arie völlig schwarz einfärbt und die dunkle Seite Alcinas somit von innen nach außen kehrt. Ebenso eindrucksvoll gelingt ihre anschließende Rachearie »Ombre pallide«, in der sie ihre Macht noch einmal zu bündeln versucht, um den Geliebten zu vernichten. Hier treten die zuvor ergrauten Statisten in feuerroten Kleidern auf und umwirbeln Jakob in ihrem schwarzen Gewand wie ein Feuerstrahl. Dabei kommt durch geschickte Lichtregie auch das Eis um den Palast in Bewegung. [...]

Henrike Jakob legt die Titelpartie mit dramatischem Sopran an und bringt die Wut und Verzweiflung der Zauberin stimmlich und darstellerisch überzeugend zum Ausdruck [...]. Eva Bauchmüller überzeugt als Alcinas Schwester Morgana mit weichem, mädchenhaftem Sopran. Hervorzuheben ist ihre Arie »Ama sospira« im ersten Teil, in der sie Alcina versichert, dass Bradamante / Ricciardo keine Gefahr für Alcina und Ruggiero darstellt. Hier begeistert Bauchmüller mit glockenklaren, leichten Koloraturen, und wenn sie nach der Pause in ihrem herzergreifenden »Credete al mio dolore« Oronte um Vergebung für ihren Treuebruch bittet, dürfte bei diesem lieblichen Gesang wohl jeder Mann schwach werden. Charlotte Quadt begeistert als Bradamante mit sattem Mezzo und großer Flexibilität in den Läufen. Ein Höhepunkt ist ihre große Rachearie »Vorrei vendicarmi«, wenn sie Ruggiero für seine Untreue zur Rechenschaft zieht. [...] Lisa Wedekind stattet die Hosenrolle des Ruggiero mit flexiblem Mezzo aus und überzeugt beim kämpferischen »Sta nell'Ircana« mit sauberen Bögen. Sehr verträumt setzt sie das berühmte »Verdi prati, selve almene« an. So gibt es für alle Beteiligten am Ende großen Applaus.

Thomas Molke, onlinemusikmagazin.de, 16. Januar 2017

 

Ritschel konzentriert sich ganz auf die Titelfigur – die Zauberin nämlich, die in einer festgefügten Welt lebt, in der sich alles ihrem Willen unterzuordnen hat. Folgerichtig, dass Ritschel Alcinas Reich anlegt wie es Hans Christian Andersen in seinem Märchen Die Schneekönigin tut. Es ist ein in sich erstarrter Frostkosmos. Markus Meyer baut ihm dazu eine kongeniale Bühne: Da gibt es kein Winterweiß-Einerlei, sondern eine fein grau-silbern abgestufte kalte Hölle, in der Alcinas Ex-Lover als Untote spuken. Dann kommt Ruggiero und alles ist anders. Alcina verliebt sich wirklich, obwohl ihr klar ist, dass sie diesen Mann unter Zauber an sich gebunden hat. Als dann dessen Geliebte Bradamante auftaucht, kommt es zur Katastrophe. Alcinas Welt löst sich in nichts auf.

Dieses Spannungsfeld hat Sebastian Ritschel im Fokus und lässt »seine« Alcina das komplette Spektrum von tiefer Liebe bis zu abgründigem Hass durchleben. Er bereitet Henrike Jacob in ihren Arien perfekte Auftritte, stellt sie ganz in den Mittelpunkt. Einfach toll anzusehen, wie sie in einem silbrigen Barockoutfit die Bühne betritt, dieses sich nach und nach blutrot färbt, wie sie sich Gummihandschuhe anzieht und eine Axt schwingt, um ihr Rachewerk zu vollenden. Jacob nutzt die Möglichkeiten, die das Regieteam ihr bietet, auf das Beste.

[...] Eva Bauchmüller als Alcinas Schwester Morgana lässt [...] feine Koloraturen nur so aus ihrer Kehle perlen. Lisa Wedekind als Ruggiero steht ihr da in nichts nach. Vor allem aber Charlotte Quadt als Bradamante lässt keine Wünsche offen. Sie verfügt über wunderschöne tiefe Register, lässt Bradamantes Qualen lebendig werden.

Tatjana Hoffmann, theaterpur.net, 17. Januar 2017

 

Eigentlich spielt die Geschichte ja irgendwo auf einer Insel im Mittelmeer, doch Regisseur Sebastian Ritschel macht von Anfang an deutlich, dass es lausig kalt sein muss, denn Schneestürme lassen zwei Reisende vor der Tür fast erfrieren. Alle Fantasien in Bezug auf Sonnenschein kann man getrost vergessen. Am Dienstag feierte das Große Haus zwar nicht Premiere von Händels Oper Alcina – doch trotzdem war der Saal fast ausverkauft – und das zu Recht.

[... Der Abend] dauert gut zwei Stunden Spielzeit und viele schöne Arien, dazu herrliche Musik von Händel von einem tollen Sinfonieorchester unter Leitung des italienischen Dirigenten Attilio Cremonesi. Der musikalische Leiter macht das mit einer solchen Spielfreude und Lebenslust, dass es Spaß macht, eine Zeit lang nur ihn zu betrachten. Viel Zeit bleibt dafür nicht – zugegeben. Denn es gibt so viel zu entdecken, etwa die riesigen Schubladen mit freilich ausgesparter Blende für das Publikum. Eine Lade öffnet sich von rechts, darin eine Partyszene im Haus mit stuckverzierten Wänden. Eine von links: darin eine Urwald-Fototapete. Im Bühnenrücken befindet sich eine Art Schaufenster mit durchscheinendem Vorhang, dahinter ein Bett, auf dem sich Alcina schon mal vergnügt. Schneebedecktes Gebirge und ein Eisbär, der fast an der Decke klebt. Wunderschöne Kostüme, für die sich der Regisseur selbst verantwortlich zeigt. So trägt Alcina kurz vor der Pause ein Kleid, das im Nieselregen zu glänzen beginnt.

Überhaupt: Alcina. Henrike Jacob verkörpert die Figur. Sie singt leidenschaftlich, energisch, leidend, dominant, herrisch. [...] Zur Seite stehen ihr acht Jünglinge, das Gesicht weiß getüncht, schwarze Längsstreifen, den Genitalbereich durch ein knappes Höschen verdeckt, in Pelzmäntel gehüllt. Ob das nun Lustknaben darstellt oder gar die Zauberkraft – das mag man denken, wie man will. Neben Henrike Jacob als Alcina verdienen sich auch Charlotte Quadt als Bradamante und Lisa Wedekind als Ruggiero herausragende Bewertungen. Ein richtig schöner Opernabend.

Burkard Knöpker, Alles Münster, 19. Januar 2017

Presse

Das war ein wahrhaft »frostiger« Auftakt für die diesjährigen »Tage der Barockmusik«: Ums Große Haus des Theaters tanzten draußen Schneeflocken – und auch auf der Bühne zog eine erstarrte Winterwelt herauf. Markus Meyer malt sie mit unzähligen Grau- und Silbertönen, an denen man sich nicht satt sehen kann. Herrscherin über diese kalte Pracht ist Georg Friedrich Händels Zauberin ALCINA. Die hat es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre abgelegten Liebhaber zu verwandeln und in ihrem Reich festzuhalten. In Münster kommen sie als Zombies daher, die pelzmantelbewehrt dumpf stolpernd die Bühne bevölkern.

Aber letztlich wird Alcina doch von wirklicher Liebe erfüllt: zu Ruggiero. Ein Gefühl, das sie verwundbar macht. Zumal zu dessen Rettung seine als Mann verkleidete Geliebte Bradamante in Alcinas Welt eindringt, die zu zerbersten droht.

Regisseur Sebastian Ritschel stellt das Chaos der Gefühle, das sich der Zauberin angesichts dieser Situation bemächtigt, in den Mittelpunkt seiner Inszenierung. Er komponiert zwei sehr intensive Szenen. Dunkelrot färbt sich Alcinas Kleid, als sie erkennen muss, dass Ruggiero sie nicht liebt. Herabprasselnder Regen wäscht alle äußerlich-kühle Pracht ab und zurück bleibt eine Frau, die von ihren Emotionen völlig überwältigt wird. Henrike Jacob als Alcina füllt ihre Rolle perfekt aus. Klein und zierlich steht sie in der riesig wirkenden Landschaft, legt Liebe, Hoffnung, Zorn, Rachsucht und Bitterkeit in ihre Stimme. Bisweilen lässt sie sie gar brechen, endet in einem Schluchzer oder einem fast gesprochenen Wort. So wie sie in ihrer ausladenden Robe das Geschehen beherrscht, mag man sich eine Barockdiva zur Uraufführungszeit vorstellen, die um die Gunst des Publikums buhlt. Lisa Wedekind als Ruggiero wandelt schlafwandlerisch sicher über die Bühne – wie betäubt durch den Zauber Alcinas – und erwacht erst durch Bradamantes Liebe. Charlotte Quadt besticht durch die goldene Tiefe ihres Mezzos ebenso wie durch traumhafte Koloratursicherheit. Die kennzeichnet auch Eva Bauchmüllers stimmlich sehr bewegliche Morgana. Youn-Seong Shim als strahlkräftiger Oronte und Filippo Bettoschi komplettieren ein Solistensextett, das wieder einmal unter Beweis stellt: Das Musiktheater Münster kann Barock – und wie.

Es ist eine kurze ALCINA-Fassung, die Sebastian Ritschel und Attilio Cremonesi, musikalischer Leiter und »Artist in Residence« der »Tage der Barockmusik«, erarbeitet haben. Eine, die schnörkellos und vorwärtsdrängend die Handlung vorantreibt. Und genau das spiegelt sich im Orchestergraben wider. Cremonesi und das Sinfonieorchester lassen knackige, ja manchmal fast harsche Klänge ertönen, ohne auf gebotene Ruhemomente oder Innehalten zu verzichten. Dafür sorgen auch Cembalist Andrea Marchiol und Midori Goto mit einem wunderschönen Geigensolo. Ihr steht Shengzhi Guo am Cello in nichts nach. Inmitten der Eiseskälte entfaltete sich ein Feuerwerk der Emotionen und herzerwärmende Momente, die begeistert gefeiert wurden.

Thomas Hilgemeiner, Westfälische Nachrichten, 16. Januar 2017

 

Auf der Bühne tobt ein wilder Schneesturm, durch den sich Bradamante und Melisso kämpfen, bevor sie erschöpft vor drei verschlossenen Türen zusammenbrechen. Alcinas Reich ist scheinbar ein Eisberg mit der Zauberin als Eiskönigin. In einem großen weißen Raum mit einem von der Wand herabsteigenden Eisbär empfängt sie die beiden Neuankömmlinge und präsentiert ihnen ihre früheren Opfer, die unter Schneemassen im Zauberreich ergraut sind. Nur Ruggiero erfreut sich in einem dunkelblauen Pyjama noch frischer Jugend und räkelt sich in einem höher gelegenen Raum im Hintergrund vor einem Panorama von Eisbergen in einem weißen Bett. Ein auf der linken Seite in den Raum geschobenes Bühnenbild, das mit frischen grünen Farben eine blühende Landschaft in dieser Eiswüste vorgaukelt, gibt dem Zauberreich eine wärmere Nuance, während das aufgetischte Essen aus silbernen Früchten besteht. Mit dieser Kälte spielt Sebastian Ritschel in seiner Inszenierung konsequent und erzeugt eindrucksvolle Bilder.

Einen szenischen Höhepunkt stellt Alcinas große Arie »Ah! mio cor! schernito sei!« dar, in der sie erkennt, von Ruggiero verraten worden zu sein, und krampfhaft versucht, sich nicht ihrem Schmerz hinzugeben. Henrike Jakob trägt als Zauberin in dieser Szene ein ausladendes eisgraues Kleid, das sich auf beinahe magische Art während der Arie schwarz färbt. Zunächst erscheinen einzelne schwarze Spritzer auf dem grauen Kleid, die zeigen, dass die Eisfassade bröckelt. Dann rieselt zarter Regen aus dem Schnürboden herab, der das Kleid bis zum Ende der Arie völlig schwarz einfärbt und die dunkle Seite Alcinas somit von innen nach außen kehrt. Ebenso eindrucksvoll gelingt ihre anschließende Rachearie »Ombre pallide«, in der sie ihre Macht noch einmal zu bündeln versucht, um den Geliebten zu vernichten. Hier treten die zuvor ergrauten Statisten in feuerroten Kleidern auf und umwirbeln Jakob in ihrem schwarzen Gewand wie ein Feuerstrahl. Dabei kommt durch geschickte Lichtregie auch das Eis um den Palast in Bewegung. [...]

Henrike Jakob legt die Titelpartie mit dramatischem Sopran an und bringt die Wut und Verzweiflung der Zauberin stimmlich und darstellerisch überzeugend zum Ausdruck [...]. Eva Bauchmüller überzeugt als Alcinas Schwester Morgana mit weichem, mädchenhaftem Sopran. Hervorzuheben ist ihre Arie »Ama sospira« im ersten Teil, in der sie Alcina versichert, dass Bradamante / Ricciardo keine Gefahr für Alcina und Ruggiero darstellt. Hier begeistert Bauchmüller mit glockenklaren, leichten Koloraturen, und wenn sie nach der Pause in ihrem herzergreifenden »Credete al mio dolore« Oronte um Vergebung für ihren Treuebruch bittet, dürfte bei diesem lieblichen Gesang wohl jeder Mann schwach werden. Charlotte Quadt begeistert als Bradamante mit sattem Mezzo und großer Flexibilität in den Läufen. Ein Höhepunkt ist ihre große Rachearie »Vorrei vendicarmi«, wenn sie Ruggiero für seine Untreue zur Rechenschaft zieht. [...] Lisa Wedekind stattet die Hosenrolle des Ruggiero mit flexiblem Mezzo aus und überzeugt beim kämpferischen »Sta nell'Ircana« mit sauberen Bögen. Sehr verträumt setzt sie das berühmte »Verdi prati, selve almene« an. So gibt es für alle Beteiligten am Ende großen Applaus.

Thomas Molke, onlinemusikmagazin.de, 16. Januar 2017

 

Ritschel konzentriert sich ganz auf die Titelfigur – die Zauberin nämlich, die in einer festgefügten Welt lebt, in der sich alles ihrem Willen unterzuordnen hat. Folgerichtig, dass Ritschel Alcinas Reich anlegt wie es Hans Christian Andersen in seinem Märchen Die Schneekönigin tut. Es ist ein in sich erstarrter Frostkosmos. Markus Meyer baut ihm dazu eine kongeniale Bühne: Da gibt es kein Winterweiß-Einerlei, sondern eine fein grau-silbern abgestufte kalte Hölle, in der Alcinas Ex-Lover als Untote spuken. Dann kommt Ruggiero und alles ist anders. Alcina verliebt sich wirklich, obwohl ihr klar ist, dass sie diesen Mann unter Zauber an sich gebunden hat. Als dann dessen Geliebte Bradamante auftaucht, kommt es zur Katastrophe. Alcinas Welt löst sich in nichts auf.

Dieses Spannungsfeld hat Sebastian Ritschel im Fokus und lässt »seine« Alcina das komplette Spektrum von tiefer Liebe bis zu abgründigem Hass durchleben. Er bereitet Henrike Jacob in ihren Arien perfekte Auftritte, stellt sie ganz in den Mittelpunkt. Einfach toll anzusehen, wie sie in einem silbrigen Barockoutfit die Bühne betritt, dieses sich nach und nach blutrot färbt, wie sie sich Gummihandschuhe anzieht und eine Axt schwingt, um ihr Rachewerk zu vollenden. Jacob nutzt die Möglichkeiten, die das Regieteam ihr bietet, auf das Beste.

[...] Eva Bauchmüller als Alcinas Schwester Morgana lässt [...] feine Koloraturen nur so aus ihrer Kehle perlen. Lisa Wedekind als Ruggiero steht ihr da in nichts nach. Vor allem aber Charlotte Quadt als Bradamante lässt keine Wünsche offen. Sie verfügt über wunderschöne tiefe Register, lässt Bradamantes Qualen lebendig werden.

Tatjana Hoffmann, theaterpur.net, 17. Januar 2017

 

Eigentlich spielt die Geschichte ja irgendwo auf einer Insel im Mittelmeer, doch Regisseur Sebastian Ritschel macht von Anfang an deutlich, dass es lausig kalt sein muss, denn Schneestürme lassen zwei Reisende vor der Tür fast erfrieren. Alle Fantasien in Bezug auf Sonnenschein kann man getrost vergessen. Am Dienstag feierte das Große Haus zwar nicht Premiere von Händels Oper Alcina – doch trotzdem war der Saal fast ausverkauft – und das zu Recht.

[... Der Abend] dauert gut zwei Stunden Spielzeit und viele schöne Arien, dazu herrliche Musik von Händel von einem tollen Sinfonieorchester unter Leitung des italienischen Dirigenten Attilio Cremonesi. Der musikalische Leiter macht das mit einer solchen Spielfreude und Lebenslust, dass es Spaß macht, eine Zeit lang nur ihn zu betrachten. Viel Zeit bleibt dafür nicht – zugegeben. Denn es gibt so viel zu entdecken, etwa die riesigen Schubladen mit freilich ausgesparter Blende für das Publikum. Eine Lade öffnet sich von rechts, darin eine Partyszene im Haus mit stuckverzierten Wänden. Eine von links: darin eine Urwald-Fototapete. Im Bühnenrücken befindet sich eine Art Schaufenster mit durchscheinendem Vorhang, dahinter ein Bett, auf dem sich Alcina schon mal vergnügt. Schneebedecktes Gebirge und ein Eisbär, der fast an der Decke klebt. Wunderschöne Kostüme, für die sich der Regisseur selbst verantwortlich zeigt. So trägt Alcina kurz vor der Pause ein Kleid, das im Nieselregen zu glänzen beginnt.

Überhaupt: Alcina. Henrike Jacob verkörpert die Figur. Sie singt leidenschaftlich, energisch, leidend, dominant, herrisch. [...] Zur Seite stehen ihr acht Jünglinge, das Gesicht weiß getüncht, schwarze Längsstreifen, den Genitalbereich durch ein knappes Höschen verdeckt, in Pelzmäntel gehüllt. Ob das nun Lustknaben darstellt oder gar die Zauberkraft – das mag man denken, wie man will. Neben Henrike Jacob als Alcina verdienen sich auch Charlotte Quadt als Bradamante und Lisa Wedekind als Ruggiero herausragende Bewertungen. Ein richtig schöner Opernabend.

Burkard Knöpker, Alles Münster, 19. Januar 2017


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Premiere
Sa, 14. Januar 2017
19.30 Uhr · Großes Haus · Preise A
Premierenabo Gr. Haus

Herzliche Einladung zur Premierenfeier im Anschluss an die Vorstellung!

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